USA · Wasatch Mountains
The Roots of Backcountry Skiing’s DNA
Ausgabe 2019 · Text: Martin Fiala · Fotos: Adam Clark · 4 min Lesezeit

Ungefähr 10.000 Jahre alte Felsmalereien aus dem Altai Gebirge, gelegen im Grenzgebiet zwischen Russland, der Mongolei und China, scheinen die ersten Abbildungen von Menschen auf Holzbrettern im …
Ungefähr 10.000 Jahre alte Felsmalereien aus dem Altai Gebirge, gelegen im Grenzgebiet zwischen Russland, der Mongolei und China, scheinen die ersten Abbildungen von Menschen auf Holzbrettern im Schnee darzustellen. Man nimmt an, dass die Bretter die Jagd im Winter erleichtert haben. Die ältesten Skier – den heutigen bereits sehr ähnlich – sind an die 6.000 Jahre alt und stammen aus Skandinavien. Erste schriftliche Aufzeichnungen über das Skifahren führen in das Slowenische Krain. Russische Einwanderer sollen Holzskier dorthin mitgebracht und wilden Abfahrten gefrönt haben. Die norwegischen Telemarker waren es dann wohl, die in den skandinavischen Wintern Skier erst zu militärischen Zwecken und später zum Vergnügen einsetzten.
Sie exportierten das Skifahren in die ganze Welt. Die DNA des Backcountry Skiing lässt sich also weit in die Vergangenheit bis zu steinzeitlichen Felszeichnungen zurückverfolgen. Sie scheint ungefähr so alt zu sein wie die älteste lebende norwegische Fichte, die „Old Tjikko“ in der schwedischen Provinz Dalarna. Verglichen mit dem 80.000 Jahre alten Wurzelsystem „Pando“ einer Klonkolonie der Amerikanischen Zitterpappel im Fishlake National Forest in Utah, USA, die als das älteste und schwerste bekannte Lebewesen der Erde gilt, ist das Skifahren aber noch fast im Jugendalter. Der Ausdruck „Ski“ kommt aus dem Norwegischen und bedeutet soviel wie „Scheit“, gespaltenes Holz.
Der Aufschrei der Umweltschützer wird sich damals vor 10.000 Jahren in Grenzen gehalten haben, als man den Baum fällte, der zum ersten Ski verarbeitet wurde. Vor dem Vergnügen des Abfahrens stand jahrhundertelang bis zur Erfindung des Skilifts der schweißtreibende Aufstieg allein mit Muskelkraft ganz nach dem bekannten Motto „earn your turns“. Der erste, übrigens mit Wasserkraft betriebene Skilift wurde erst 1908 am Arlberg eröffnet. Skifahren entwickelte sich mit der fortschreitenden Industrialisierung zu einem wahren Boom und schließlich zu einer massentauglichen Art der Freizeitgestaltung mit großer wirtschaftlicher Bedeutung und ausgefeilter Wertschöpfung. Ganze Regionen leben heutzutage mit und vom Skifahren.
Moderne Hochleistungslifte befördern täglich tausende Skifahrer zum Gipfel, die dann auf bestens präparierten Pisten carven, in den Parks jibben und durch den Tiefschnee shredden. Unzählige Massen an Skifahren kommen so in den schnellen und einfachen Genuss des weißen Rausches und immer öfter auch des hochprozentigen Rausches der Après-Ski-Industrie und der organisierten Gaudimaschinerie. Analog zu der konkurrierenden gesellschaftlichen Entwicklung des letzten Jahrhunderts entwickelte sich auch der Skirennlauf. Die besten Skifahrer messen sich in hochdotierten und medial inszenierten Wettkämpfen. Wintersportevents halten gar in Großstädten und in winterlich temperierten Hallen Einzug.
Die besten Skifahrer messen sich im Sinne von „schneller, weiter, höher“, eingezwängt in ein durchdachtes Regelwerk im Rahmen medialer Happenings. Die Besten der Besten werden werbewirksam ermittelt, gekrönt und stilisiert, ihr vermarktbares Image aufgebaut und versilbert. Das Prinzip der Evolution und der Mutationen der DNA ist spätestens seit Darwin anerkannt und in allen Bereichen des Lebens fest verankert, so auch im Skifahren. Die Entwicklung des Skifahrens wird man nicht zurückdrehen können, die Vielfalt ist ein logischer Schritt der Ski-Evolution. Erfreulicherweise finden aber auch immer mehr Skifahrer zu den Wurzeln und Ursprüngen des Wintersports zurück. Das Backcountry Skiing erlebt mittlerweile eine Renaissance.
Die Motivation ist vielschichtig. Einige suchen die Einsamkeit und Ruhe der verschneiten Berge, andere schätzen die Möglichkeit, selbstbestimmt abseits der präparierten Pisten auch ohne verordnete Reglementierungen Entscheidungen treffen zu können. Es gibt die ambitionierten Erstbegeher, die abenteuerlichen Entdecker, die Alpinisten, die Speedfreaks oder die gechillten Cruiser – das Backcountry ist zwischenzeitlich bunt gemischt und bietet genug Platz für alle Facetten. Die neueste Ausrüstung erleichtert den Zugang zu den jungfräulichen Tiefschneehängen und damit zurück zur ursprünglichen DNA des Skifahrens.
Es ist jedoch unter anderem den realen Gefahren der ungezähmten Natur zu verdanken, dass die Fast-Food-Mentalität aus den Massenskigebieten die Einsamkeit der winterlichen Berge noch nicht total überschwemmt. Zum Umgang mit den Gefahren im Backcountry gehören neben Wissen und Erfahrung auch eine gesunde Portion Respekt und Achtung vor der Natur und ihren ganz eigenen Regeln. Im Ernstfall ist man auf die Hilfe der Freunde angewiesen, eine hektische Konkurrenz-Mentalität kann unter Umständen recht zügig im evolutionären Sinne ausgemendelt werden. Es schadet nicht, sich in diesem Sinne auf den Touren demütig und wach umzuschauen und ab und zu auch zu verbeugen. Bei Aufstiegen und auch bei Abfahrten begegnet man regelmäßig Jahrhunderte alten Bäumen.
Einige sehen dann eben nur das Material Holz, andere erfreulicherweise die eigentlichen Wurzeln und die Identität der Backcountry Skiing-DNA. Wenn die Bäume könnten, würden Sie uns wohl Geschichten erzählen, die viele unserer aufgeblähten Egos erblassen lassen würden. Sie haben kältere Tage erlebt als wir, mehr Schneefall, stärkere Winde, heftigere Stürme, Sonnenschein und auch Regen. Sie stehen seit Jahrhunderten da und erleben jeden Tag das, was viele von uns in der Einsamkeit der Berge suchen. Schön, sich vor ihnen verbeugen, sie in ihrem Zuhause besuchen zu können. Mögen sie noch tiefere Wurzeln schlagen und uns erinnern.





Fahrer: Eric Balken, Pep Fujas, Noah Howell, Annastasia Copeland Rynders



