Türkei · Kaçkar Range (Olgunlar)
The Turkey Trot
Ausgabe 2015 · Text: Molly Baker · Fotos: Re Wikstrom · 5 min Lesezeit

Die Berge sollten uns nicht leichtfertig werden lassen. Das Kaçkar-Gebirge in der östlichen Türkei stellt dieses ewig währende Naturgesetz unter Beweis. Seine Berge erheben sich über das Schwarze …
Die Berge sollten uns nicht leichtfertig werden lassen. Das Kaçkar-Gebirge in der östlichen Türkei stellt dieses ewig währende Naturgesetz unter Beweis. Seine Berge erheben sich über das Schwarze Meer und beherbergen kleine Dörfer und eindrucksvolle Gipfel, die ab und zu eine Gruppe Skifahrer aus aller Herren Länder anlocken. Das dort herrschende Mikroklima bewirkt eine oft nicht unproblematische Schneebeschaffenheit. Bei einer Abenteuerreise in die Türkei kann es aber eh nicht nur ums Skifahren gehen. Man muss auch das Land und seine Leute erkunden und genießen. Genau das haben wir uns vorgenommen. Und die Türkei hieß uns dabei herzlichst willkommen. Olgunlar ist ein Dorf mit etwa zwanzig Gebäuden.
Eines davon ist die Pension Kaçkar, ein Berghostel, geführt von Ismail und seiner Familie. Bei den anderen Häusern sind die Vorhänge geschlossen, und türkische Fahnen wehen davor. Wir spüren die neugierigen Blicke der Bewohner, die sich fragen, wer dieses Mal auf Tourenski durch ihr Dorf spurt. Zwei große Schäferhunde scheinen Olgunlar zu bewachen. Sie streifen durch die kleine Enklave und schnüffeln an den fremden Spuren. Andy, Softwareentwickler aus Seattle und für Facebook tätig, ist der erste von uns, der mit ihnen Bekanntschaft macht. Er erschrickt heftig, findet aber schnell heraus, dass der gefährlich aussehende Anführer der beiden Vierbeiner so zahm ist wie ein Kätzchen. Wie so oft trügt der Schein.
Die Berge rund um das kleine Dorf sind mächtig und wunderschön, genau von der Art, für die man als Skifahrer den Planeten absucht. Von hier oben können wir die Gebetsgesänge der Muezzins in der örtlichen Moschee im Tal hören. Sie erinnern uns daran, dass wir in einem fremden Land mit unbekannten Bergen sind. Kein noch so großes Ego, kein übermäßiger Mut wappnet uns vor den unbekannten Gefahren. Bereits auf unserer ersten Tour lösen wir in der Entfernung ein großes Schneebrett aus. In den nächsten Tagen erforschen wir vorsichtig die Berge, sehen uns um und schaffen es immer wieder, zu Fuß wie auf Ski Schnee los zu treten.
Die Kultur hat sich uns geöffnet, aber die Berge – die größte Unbekannte – verursachen auf unseren Ausflügen eine gewisse Beklemmung. In der Abgeschiedenheit unserer kleinen Hütte in Olgunlar sieht die Türkei plötzlich ganz anders aus. Ismails Söhne sind jung, gebildet und interessiert an den Besuchern ihres Heimatdorfs – inklusive der amerikanischen Skifahrerinnen. Sie beten zu den üblichen Zeiten (inklusive des Fajr-Gebets vor Sonnenaufgang, bevor den Gästen Frühstück gemacht wird), erklären den Ramadan, bringen mir ein paar türkische Worte bei und wie man Kolbasti tanzt. Aber sie respektieren auch interessiert und neugierig die Sitten ihrer wortreichen, aufgeregten amerikanischen Gäste.
Der Austausch zwischen ihnen und uns (wenn überhaupt noch ein Unterschied besteht) macht den Trip erst komplett. Es ist ein Geschenk, mehr über diese Menschen und ihr Leben zu erfahren. Ein Leben, das so völlig anders ist als mein Weg, der von der Suche nach Powder bestimmt wird. Diesen Austausch kann kein Skiabenteuer ersetzen. Ich kann mich komplett öffnen, auch meine Haare, die ich auf unserer Reise durch die Türkei bisher unter einem Schal oder Hut verborgen gehalten habe. Die Menschen von Olgunlar erlauben mir, ich selbst zu sein, und ich genieße es mit vollem Respekt, dass sie sie selbst sind. Wir verbringen unsere Tage mit Touren in die Täler der Umgebung und kleineren Abfahrten.
An einem Tag laufen wir den kleinen Hügel hinter unserem Hostel hinauf, an einem anderen fahren wir ein paar Runden auf dem örtlichen „Skiberg“. Dort oben richten wir auf einem großen Plateau eine Art Picknickplatz ein und treffen uns immer wieder, um Feigen zu essen, Handstände zu üben, kleine Ringkämpfe zu veranstalten oder auch einmal heftig zu diskutieren. Das passiert Kevin aus Pittsburg und mir, als die Schneeverhältnisse zu schlecht sind, um eine unserer erhofften Linien zu fahren. Allerdings wird der Streit nicht richtig ernst, irgendwann brechen wir so in Gelächter aus, dass wir heulen müssen und uns schließlich dafür schämen, am anderen Ende der Welt wegen irgendwelcher Aufstiegsspuren zu zanken.
Als wir realisieren, dass keine großen Touren möglich sind, drehen wir einfach alle ein wenig durch. Wir müssen uns damit abfinden, lediglich kleine Touren in die Bergtäler zu unternehmen und die eine oder andere Abfahrt von unserem harschigen Skihügel machen zu können. In dieser Nacht lerne ich von einer Gruppe Kunststudenten, wie man Kolbasti tanzt. Sie bereiten sich auf ein Festival in Olgunlar vor. Während wir tagsüber in den Bergen unterwegs sind, formen sie Bären, Stiere und andere Kreaturen aus Schnee und beobachten Ismails Söhne dabei, wie sie mit betagter, über die Jahre gesammelter Ausrüstung aus den 1980ern versuchen, Ski zu fahren. An einem Abend bitten sie mich, ihnen amerikanische Tänze beizubringen.
Ich zeige ihnen, wie man zu Rick James' „Super Freak“ den „Sprinkler“ und den „Einkaufswagen“ tanzt, denn ich kenne mich leider mit Country oder Line Dance überhaupt nicht aus. Ich bin mir sicher, dass sie eher etwas Uramerikanisches mit Cowboyhut erwarteten, glaube aber, dass ihnen meine Tanzbewegungen trotzdem Spaß gemacht haben. An unserem letzten Skitag lösen wir noch einmal eine Lawine aus. Sie ist groß genug und viel zu nahe an unserer Gruppe. Da freut man sich dann schließlich auf die anstehende Woche in Istanbul. Wir sind viele Tage sinnfrei durch die Berge gestreift und schließlich an einem Punkt angelangt, an dem sie uns vermittelten, es sei an der Zeit, aufzuhören. Zeit, nach vorne zu blicken.
Ich mag es nicht, wenn man versucht, im Gebirge bei ungünstigen Schneebedingungen Touren und Abfahrten zu erzwingen. Dinge können sich ändern. Vielleicht nächstes Jahr. Die Kaçkar-Berge mögen es Freeridern nicht einfach machen. Aber wir können hoffen, dass sie uns immer wieder willkommen heißen werden.





Fahrer: Molly Baker, Martha Burley, Andrew Crampton, Kevin Chartier, Timothy Howland, Babak Kianpour, Jesse Twitchell

