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Türkei · Cappadocia (Mount Erciyes)

Turkey’s Little St. Anton

Ausgabe 2013 · Text: Hansi Heckmair · Fotos: Hansi Heckmair · 5 min Lesezeit

Turkey’s Little St. Anton

Was braucht man für einen Kurztrip? Erstens: Musik! Reisen und Musik gehören für mich untrennbar zusammen. Beides würzt die exotische Mischung meiner Erinnerungen. Ich lasse meinen iPod von einem …

Was braucht man für einen Kurztrip? Erstens: Musik! Reisen und Musik gehören für mich untrennbar zusammen. Beides würzt die exotische Mischung meiner Erinnerungen. Ich lasse meinen iPod von einem Freund bespielen, gespannt auf 600 neue Songs und die Unbestimmtheit, wozu der neue Soundtrack passen wird. Zweitens: „Handschuh – Mütze – Brille“! Der Spruch begleitet mich seit meiner Kindheit und ist immer noch sehr nützlich dabei, den nächsten Skitrip zu organisieren. Drittens: „Jameson Whisky“, meine Reisemedizin. Abgefüllt in einen kleinen Flachmann für die tägliche Desinfektion, eignet sich dieser Wundertrunk auch bestens, um ein Gipfelritual zu zelebrieren. Eins, zwei, drei – und es kann losgehen! Kaum bei Björn in St.

Anton angekommen, zeigt er mir Bilder seiner letzten beiden Linien vom Vortag. Sauber! Ich habe die letzten Tage in Südtirol für den Tourismusverband fotografiert. Snowtubing allerdings. Man kann es sich ja nicht immer aussuchen. Björn, Kathi und ich sind früh auf den Beinen. Aus dem Fenster beobachte ich, wie die ersten Sonnenstrahlen die Bergspitzen am Arlberg streicheln. Hmm, meine Linie hätte ich da oben schon im Visier. Die Geräusche der beiden anderen beim Packen reißen mich aus meinen Träumen. Stimmt, da war noch was. In 20 Minuten geht es Richtung Flughafen Zürich. Unser Ziel: Kayseri in Anatolien, in der Türkei. Dort sieht es angeblich aus wie am Arlberg. Meine Linie muss noch ein wenig warten.

Ich packe meine am Vorabend achtlos ausgebreiteten Utensilien. In Kayseri, einer der anatolischen „Tigerstädte“ am Vulkan Mount Erciyes, soll das größte Skigebiet der Türkei entstehen. Für mich wird es der erste Trip in das Land am Bosporus sein. Ich habe keine Ahnung, was mich dort erwartet, kenne weder die Kultur noch das Land selbst. Keine Vorurteile zu haben, ist eigentlich die beste Voraussetzung, um neue Erfahrungen zu machen. Endlich steigen wir ins Auto und fahren Richtung Zürich. Am Flughafen lege ich meinen Pass und das Ticket beim Check-in auf den Tresen und lächle, so nett ich nur kann, auch wenn es nach dem frühen Aufstehen und der Fahrt noch schwer fällt.

Das Lächeln habe ich mir mittlerweile angewöhnt, denn mit meinem standardmäßigen Fotografen-Übergepäck ist das so eine Sache: Herrscht schlechte Stimmung am Schalter, wird es schnell sehr teuer. Diesmal hilft mein präventives Lächeln. Eingecheckt! Am ersten Tag kann das Wetter mit der türkischen Gastfreundschaft nicht mithalten. Null Sicht. Daher ist Kultur angesagt. Die „Kaiserstadt“ Kayseri zählt zu den ältesten Handelsstädten der Türkei, weshalb wir es auf dem Markt versuchen. Um das Klischee zu erfüllen, kaufen wir einen Teppich. Ob aus freiem Willen oder aufgrund der hartnäckigen Verkäufer, das sei dahingestellt.

Nach ein paar freiwilligen Tassen Tee und einem kleinem Rundgang mit Museumsbesuch treibt es uns zurück auf unsere Berghütte, inklusive drei Kilogramm Wolle, verwoben zu schönen Mustern, das Ganze mal zwei. Die Idee, in die Türkei zu fahren, kam übrigens von Mehmet Eglenceoglu, einem Türken, der am Arlberg aufgewachsen ist. Als er älter wurde, trieb es ihn zurück in die Heimat seiner Vorfahren. Mehmet ist Mitinitiator des Skigebiets Erciyes. Und der „Tiroler Türke“ freut sich immer sehr, wenn Besuch aus seiner zweiten Heimat kommt. Er ist ein feiner Mensch, der die türkische Kultur und Gastfreundschaft lebt und uns mit offenen Armen empfangen hat.

Der Erciyes ist ein 3.917 Meter hoher, ruhender Vulkan, der zuletzt im Jahr 6880 vor Christus ausgebrochen sein soll. Er liegt 25 Kilometer südlich von Kayseri im Gebiet Kappadokien und gilt als Wahrzeichen der Region. Bisher gab es dort fünf Liftanlagen, in Zukunft soll die Infrastruktur jedoch massiv ausgebaut werden. Dafür sorgt unter anderem Mehmet als Berater für den türkischen Honorarkonsul, der kräftig in topmoderne Liftanlagen und Pisten investiert. Insgesamt sollen 21 Lifte und rund 200 Kilometer Pisten entstehen. Trotz seiner partiellen Erschließung durch das Skigebiet bietet der Vulkan weiterhin eine Vielzahl an Möglichkeiten für ausgiebige Skitouren und traumhafte Abfahrten.

Mit ein wenig Muskelkraft kann man dann dem zu erwartenden Ansturm an Skitouristen immer noch leicht entkommen. Die ausgedehnten Hänge, die sich in die endlos erscheinende Steppe erstrecken, bieten viel Raum, um einfach loszumarschieren, zumal die karge Region im Winter aufgrund ihrer Höhe – die Stadt Kayseri liegt bereits auf 1.000 Metern Seehöhe – als schneesicher gilt. Das Wetter ist uns endlich gnädig. Je tiefer wir in die unbekannte, von Lavabrocken skurril geformte Landschaft vordringen und je höher wir steigen, umso mehr lassen wir los, was unsere Köpfe zuvor noch beschäftigt hat. Obwohl wir weit weg von zu Hause sind und hier absolute Einsamkeit herrscht, stellt sich ein vertrautes, heimisches Gefühl ein.

Ein Zustand, der uns immer dann begleitet, wenn wir irgendwo auf unserem Planeten in den Bergen unterwegs sind. Der immer größer werdende Abstand zum ganz normalen Wahnsinn im Tal zeigt wieder einmal, wie wenig eigentlich nötig ist und wie wenig man den Alltag vermisst. Wir marschieren weiter, zunächst noch durch tiefschwarze Vulkanformationen, dann öffnet sich weiter oben das Terrain. Die breiten Hänge werden steiler, wir schrauben uns immer höher. Der Ausblick hinab in die türkische Hochebene ist ganz anders als der, den wir aus den Alpen kennen. Am Fuß des baumlosen Vulkans nur flache Wüstensteppe, soweit das Auge reicht. Wie auf einem anderen Planeten – unwirklich und wunderschön. Wir sind begeistert, und ebenso viel Spaß macht uns die Abfahrt.

Es ist nicht so steil wie am Arlberg, dennoch bieten die weiten Hänge freie Wahl und unendliche, vermutlich nie zuvor befahrene Linien. Die Umgebung und die Bergwelt von „Little St. Anton“ in der Türkei, verbunden mit der Offenheit und Gastfreundschaft der Einheimischen, haben einzigartige Eindrücke bei uns hinterlassen. Nie hätten wir vermutet, in Anatolien eine derartig reizvolle Landschaft und derart gute Skiverhältnisse vorzufinden, nur ein paar Flugstunden von der Heimat entfernt. Ein Dankeschön an Kathi und Björn dafür, dass sie mich mitgenommen haben. Und herzlichen Dank an Mehmet für seine Hilfsbereitschaft und Unterstützung.

Turkey’s Little St. Anton
© Hansi Heckmair
Turkey’s Little St. Anton
© Hansi Heckmair
Turkey’s Little St. Anton
© Hansi Heckmair
Turkey’s Little St. Anton
© Hansi Heckmair
Turkey’s Little St. Anton
© Hansi Heckmair

Fahrer: Björn Heregger, Katharina Schuler

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