BACKLINE Magazin
EN

USA (Alaska) · Kahiltna Glacier (Mt. Hunter)

Annie’s Ridge – Mt. Hunter

Ausgabe 2013 · Text: Adam Clark · Fotos: Adam Clark · 5 min Lesezeit

Annie’s Ridge – Mt. Hunter

Fliegt man an einem klaren Tag auf einem Fensterplatz von Seattle in Washington nach Anchorage, Alaska, fällt einem als Erstes die endlose Weite der Berge auf. Während meiner Flüge läuft mir dann …

Fliegt man an einem klaren Tag auf einem Fensterplatz von Seattle in Washington nach Anchorage, Alaska, fällt einem als Erstes die endlose Weite der Berge auf. Während meiner Flüge läuft mir dann immer das Wasser im Mund zusammen, ich bekomme Gänsehaut auf den Armen und meine Phantasie spielt bei den Gedanken an all die potentiellen Skiabfahrten verrückt. Man kann zu Recht sagen, dass die Krönung all dieser Berge der Denali ist – der höchste Berg Nordamerikas. Und zu seinen Füßen erstreckt sich der Kahiltna, der längste Gletscher Alaskas. Der 65 Kilometer lange Kahiltna Gletscher beginnt am Fuß von Denali, Mt. Hunter und Mt. Foraker, den drei höchsten Bergen Nordamerikas.

Ende April war ich mit dem Filmemacher Eric Croslyn dort und beobachtete, wie sich Ian McIntosh und John Collinson ihren Weg durch eine 120 Meter hohe Rinne am Mt. Hunter bahnten. Schnee und Rinne sahen von unserem 800 Meter entfernten Camp gut aus. Aber das Kratzen ihrer Steigeisen auf dem Eis drang bis zu uns, ein Geräusch, das man nicht gerne hört. Später sprachen wir mit Ian und Jonny darüber, dass diese Seite des Mt. Hunter kaum mit Ski zu befahren wäre. Nachts fröstelte ich vor Kälte und fragte mich, ob die Bedingungen hier überall ähnlich wären. Campen und Skifahren in Alaska wird immer beliebter. Mittlerweile sind Flugzeuge normale, relativ leicht zu charternde Zubringer.

Die Landung auf dem Kahiltna ist einfach – der Gletscher wird als saisonales Flugfeld für alle Denali Besteigungen genutzt. Mit Ausnahme einer Japanerin, die den Gipfel alleine besteigen wollte, waren wir die einzigen Anwesenden in der Umgebung. Nur vier weitere Bergsteiger tauchten während unseres zweiwöchigen Aufenthalts auf. Ian McIntosh, ein Pro-Skifahrer aus Pemberton, B.C., Kanada, ist besessen von Rinnen und den Bergen Alaskas. Nachdem wir einige Fotos angesehen und Google Earth zu Rate gezogen hatten, war klar, dass die Berge um das Kahiltna-Flugfeld einzigartiges Gelände bieten würden. Da 99% aller Bergsteiger und Skifahrer, die auf dem Gletscher landen, auf die Gipfel fokussiert sind, wird das Gelände weiter unten kaum mit Ski befahren.

Zu den üblichen Problemen beim Skifahren in Alaska gesellen sich hier weitere Schwierigkeiten. Es herrscht permanent Winter: Frühlingsverhältnisse setzen zwar irgendwann ein, aber das Steilgelände besteht meist nur aus Eis. Neuschnee muss erst einmal an den Steilhängen liegen bleiben. So tief im Inneren der Alaska Range fällt deutlich weniger Schnee, die Temperaturen sind viel niedriger und die Windgeschwindigkeit höher als im Rest des Landes. Begeistert von der Idee schlug Ian den Trip zum Kahiltna Gletscher und zu einem Bergrücken vor, der als Annie's Ridge bekannt ist. Die dramatischen Hänge, wilden Gletscher und Ian's Enthusiasmus überzeugten schnell die anderen. Auch die Geschwister Angel und Jonny Collinson schlossen sich uns an.

Annie's Ridge zieht vom Hauptmassiv des Mt. Hunter weg, auf der Nordwest-Seite des Kahiltna-Flugfelds. Im Schatten der mächtigen Berge erscheint dieser Rücken fast wie ein Zwerg. Manchmal trainieren Kletterer hier für schwierigere Touren. Annie's steiler, felsiger Rücken bricht an drei Seiten abrupt auf den Kahiltna ab. Beim Anflug auf den Gletscher ist die Nordwand zu sehen, voller Rinnen und Felskanten. Die Südwand ist ebenfalls steil, bleibt aber den meisten verborgen. Sie weist eine Reihe von Couloirs und größeren Felswänden auf. Annie's Ridge war unser Hauptziel, aber es gäbe endlose weitere Optionen, wenn das Wetter, die Cliff Bars und unsere Ausdauer ausreichen würden.

Unsere neunköpfige Gruppe brauchte drei Flugzeuge – eine Otter und zwei Beaver – und 45 Minuten vom ruhigen Städtchen Talkeetna auf den Kahiltna. Das Wetter war sonnig und kalt. Kaum ausgestiegen, trugen wir unsere Ausrüstung die wenigen Meter zu der Stelle, an der wir das Camp einrichteten. Die Flugzeuge starteten so schnell, wie sie gelandet waren, und wir waren auf uns alleine gestellt. Die Abendsonne streifte gerade Annie's Ridge und wir konnten es kaum erwarten, dort Ski zu fahren. Doch zuerst stand eine kalte Nacht bevor. Am ersten Morgen fielen mir unzählige kleine Eiskristalle ins Gesicht – unser Atem war an der Zeltdecke kondensiert und gefroren.

Die Nacht hatte ich in meinem bis -40 Grad ausgelegten Schlafsack auf zwei Luftmatratzen und mit einer kochend heißen Wärmflasche angetreten. Am Morgen war das Wasser in der Flasche teilweise gefroren. Zum Glück wurde es tagsüber wärmer. An den Südhängen war gerade eine kleine frühlingshafte Schneeschmelze im Gang. Annie's Nordwand hatte jedoch genug Neuschnee, um dort gut fahren zu können. Während der nächsten zwölf Tage konnten Ian, Angel und Jonny immer mehr Rinnen und Hänge an der Nord- und Südseite von Annie's abhaken, mit gutem Licht, ohne zu ausgesetzt zu sein. Der Schnee war gut, die Tage wurden warm genug, um sie genießen zu können. Es war eine herrliche Woche.

Annie's Ridge bewies, dass sie ein großartiger Spielplatz für Freeskiing war: steil, ästhetisch und abwechslungsreich. Die Rinnen haben teilweise über 50 Grad Neigung. Die längste misst rund 220 Höhenmeter. Die Couloirs an der Südseite ziehen sich über 300 Meter Höhenunterschied, umrahmt von wunderschönen Felswänden. Das Zeltleben war fast luxuriös. Wir hatten unsere Ausrüstung nicht schleppen müssen. Ein riesiges Kuppelzelt diente als Küche, ein anderes für die Filmproduktion. Jeden Abend um 22 Uhr, wenn das Licht aus Annie's Nordwand wich, liefen wir nach dem Skifahren und Filmen in bester Laune das kurze Stück über den Gletscher zum Camp zurück.

Ein kleiner Schneesturm brachte zehn Zentimeter Neuschnee und wir konnten es kaum erwarten, bei noch besseren Bedingungen Ski zu fahren. Als am nächsten Morgen aber die Sonne gegen 10:30 Uhr unsere Zelte erreichte, kam Wind auf und blies jedes wertvolle Gramm Neuschnee davon. Annie's Ridge war nun schnell nicht mehr befahrbar. Die Temperaturen fielen, der Wind blies stärker. Wir freuten uns, die erste Woche ausgekostet zu haben, und flogen nach Hause.

Annie’s Ridge – Mt. Hunter
© Adam Clark
Annie’s Ridge – Mt. Hunter
© Adam Clark
Annie’s Ridge – Mt. Hunter
© Adam Clark
Annie’s Ridge – Mt. Hunter
© Adam Clark
Annie’s Ridge – Mt. Hunter
© Adam Clark

Fahrer: John Collinson, Ian McIntosh

Mehr aus USA (Alaska)