USA (Alaska) · Denali National Park
"Free Range" in Denali National Park
Ausgabe 2013 · Text: Christian Pondella · Fotos: Christian Pondella · 5 min Lesezeit

Während wir uns dem Ausstieg des engen Couloirs nähern, berührt mein Gesicht plötzlich den Schnee. Ich halte kurz an, wische mir die Brille ab und merke, wie steil und tief die Rinne ist. Ich bin …
Während wir uns dem Ausstieg des engen Couloirs nähern, berührt mein Gesicht plötzlich den Schnee. Ich halte kurz an, wische mir die Brille ab und merke, wie steil und tief die Rinne ist. Ich bin schon viele Steilhänge geklettert, habe aber noch niemals mit dem Gesicht den Schnee touchiert. Einer der Morrison-Brüder hatte zum Glück vorgeschlagen, Verts (spezielle schneeschuhartige Steighilfen für Steilhänge, Anm. der Red.) mitzunehmen. Ohne sie würden wir in diesem an die 60 Grad steilen Hang bis zur Hüfte im Schnee versinken und müssten womöglich unser Vorhaben aufgeben.
Chris Davenport, John und Jim Morrison und ich stehen inmitten der Alaska Range, rund 48 Kilometer vom Denali entfernt und nicht weit vom Mount Foraker, der etwa 3.900 Meter über uns thront. Vor einigen Tagen warteten wir in Talkeetna noch auf das Ende eines Sturmes, was in Alaska normal zu sein scheint. Als die Wolken morgens endlich auflockerten, bekamen wir von unserem Piloten das OK, ins Zielgebiet fliegen zu können. Er riet uns, Schneeschuhe und Schaufeln griffbereit zu halten und zum Graben bereit zu sein, weil damit zu rechnen war, dass das Flugzeug im tiefen Neuschnee steckenbleiben würde. Nach einem Aufklärungsflug und dem Abholen zweier Kletterer, die das Wetter am Berg hatten aussitzen müssen, waren wir endlich an der Reihe.
Auf dem Flugfeld erzählten uns die beiden Ausgeflogenen ihre Story, wie sie dem Sturm in der Wildnis getrotzt hatten. Ganze zwei Tage hatten sie benötigt, um die zehn Kilometer zum Treffpunkt mit dem Piloten auf Tourenski zu bewältigen. Was uns etwas beruhigte, war die Tatsache, dass unsere Ski um einiges fetter waren als ihre. Eigentlich hätte ich mit Chris Davenport in den Alpen an einem weiteren Skiprojekt arbeiten sollen, aber die letzten zwei Monate waren in Europa ziemlich schneearm, und wir brauchten einen Plan B. Alaska hatte einen überdurchschnittlich guten Winter, also fiel die Entscheidung nicht schwer.
Wir freuten uns darauf, ein kleines Taxiflugzeug zu chartern, uns auf dem Gletscher absetzen zu lassen, das Camp aufzubauen und von dort aus Skitouren zu unternehmen. Etwa zehn Jahre zuvor hatte ich mit Freunden einige Wochen in den Wrangell Mountains verbracht, um eine der anspruchsvolleren Routen zu befahren, was in einer deutlichen Lektion für uns endete. Diese richtig großen Berge haben ihre eigenen Regeln, schaffen ihr eigenes Wetter und Elend. Als wir uns jetzt dem unteren Gletscher näherten, realisierte ich, dass die besten Abfahrten hier auf den niedrigeren Gipfeln weiter unten im Tal zu finden sein müssten.
Das Basecamp würden wir in einem der tausend Talkessel aufschlagen und von dort die besten und meisten Abfahrten in den umliegenden Bergen erreichen. Nicht einmal eine Woche vor dem geplanten Aufbruch rief Davenport die Charterfirmen an, die die Alaska Range und die Wrangell Mountains bedienen. Beide Gebirgszüge bieten mehr Skimöglichkeiten, als man in einem Menschenleben abhaken kann. Doch die Entscheidung wurde uns abgenommen – die Flieger in den Wrangells waren bereits alle ausgebucht. Ein Anruf bei den Morrison-Brüdern fehlte noch, dann war unsere Gruppe komplett. Drei Tage später saßen wir im Flugzeug nach Anchorage.
Skifahren mit Flugzeugtransfer ist in Alaska der Normalfall – aufgrund der gigantischen Entfernungen, die man sich als Stadtmensch, als Bewohner der Alpen oder der Rockies, nicht vorstellen kann. Um zum gewählten Ausgangspunkt einer Ski- oder Bergtour zu kommen, hat man per Auto oder Bahnverbindung kaum Chancen. Das Flugzeug ist meist das einzige Transportmittel, vor allem im Winter: Chartert man ein kleines Flugzeug, wird man genau dort abgesetzt, wo man will, mit so viel Ausrüstung (und Alkohol), wie man will. Gut 600 Dollar pro Person muss man für Hin- und Rückflug rechnen, dazu ein paar Hunderter für Essen, einige Nächte im Hotel und das Flugticket nach Anchorage. Was der ganze Spaß letztlich kostet, kann jeder selbst ausrechnen.
Ist man erst einmal angekommen, kampiert man inmitten der Berge im Zeltlager und verdient sich jeden Schwung selbst und die Abgeschiedenheit dazu. Wir flogen von Talkeetna in eine Wildnis voller Himmel und Berge. Wie ein kleines Blatt wurde unser Flugzeug durch die Luft getragen, vorbei an Bergen, die sich hunderte Meter über uns auftürmten, manchmal nicht mehr als 30 Meter von den Granitwänden entfernt. Wir landeten auf dem Gletscher, stiegen aus und fanden uns in einer surrealen Fantasiewelt wieder. Es war fast so, als hätte uns ein geheimnisvoller Flaschengeist einen letzten Wunsch erfüllt.
Nach allem Wohlstand und Glück, das wir ihm bereits abverlangt hatten, bekamen wir jetzt den perfekten Skitrip: 100 bis 120 Zentimeter frischen Pulverschnee, blauen Himmel, Kälte und Windstille für eine ganze Woche. Und niemand sonst um uns, der Spuren setzen würde – abgesehen vielleicht von einem einsamen, umherstreunenden Vielfraß. Sieben Tage lang zogen wir unsere Turns in alle Hänge, die wir sahen: durch die steilen, engen Rinnen gegenüber dem Zelt, über den wunderschönen Gipfel am Ende des Tals und auf vielen Linien links und rechts des Gletschers. Die kalten Nächte Alaskas hielten uns in den kuscheligen Schlafsäcken, bis die ersten Sonnenstrahlen das Zelt trafen.
Meist fuhren wir am späteren Vormittag Ski, kehrten dann zu unserem Zeltplatz zurück, aßen zu Mittag und hielten Siesta. Am Nachmittag zogen wir dann wieder los und suchten abendliche Abenteuer. Während unserer Siesta am siebten Tag sprachen wir im Zelt darüber, wie glücklich wir uns schätzen konnten, überhaupt hier zu sein. Und wie perfekt dieser Trip war. Dabei erwähnte ich auch das Wort „Wind“ und dass er uns die ganze Woche in Frieden gelassen hatte. Genau in diesem Moment schickte der Himmel eine starke Böe, die das Zelt kräftig durchschüttelte, dann war wieder alles ruhig. Wir sahen dies als Omen dafür, dass die Berggötter über uns wachten.
Da wir unser Wetterglück nicht überstrapazieren wollten, setzten wir unseren Anruf ab und vereinbarten unsere Abholung für den nächsten Tag. Weit oben, am Ausgang der Rinne, genießen wir kurz das Gefühl, auf flachem Boden zu stehen. Ich schnalle meine Ski an, mein Puls beruhigt sich und der Skifahrerinstinkt übernimmt. Wir sehen auf den Hang unter uns, der abrupt unter unseren Skispitzen abfällt. Dies ist die letzte Abfahrt unseres Trips. Innerhalb weniger Sekunden fahren wir einer nach dem anderen in den Hang ein. Wir halten nicht an, nicht einmal für ein Foto. Manchmal sind die besten Bilder die, die man im Kopf behält.





Fahrer: Chris Davenport, Jim Morrison, John Morrison



