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Georgien · Caucasus Mountain Range (Swanetien / Ushguli)

"Gaomardjous" – CHEERS!

Ausgabe 2015 · Text: Nicolas Falquet · Fotos: Jeremy Bernard · 5 min Lesezeit

"Gaomardjous" – CHEERS!

Es ist 19 Uhr, und wie jeden Abend seit einer Woche wird das Essen auf dem großen Tisch im Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft serviert. Nano hat mit Hilfe seiner Schwiegermutter ein wahres …

Es ist 19 Uhr, und wie jeden Abend seit einer Woche wird das Essen auf dem großen Tisch im Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft serviert. Nano hat mit Hilfe seiner Schwiegermutter ein wahres Festessen zubereitet. Nach unserem zweiten langen Tag in den Bergen sterben wir fast vor Hunger, und auch wenn das Essen identisch ist mit dem, was wir bereits gestern und vorgestern bekommen haben, schmeckt es wieder ausgezeichnet. Kaum haben wir uns hingesetzt, schlägt Jeremy vor, dass wir den Speisen die Ehre erweisen und auf den grandiosen Skitag mit einem Glas „Chacha“, dem traditionellen georgischen Grappa, anstoßen. Wie könnten wir dieses Angebot ausschlagen? Seit unserer Ankunft in Swanetien, dem nordwestlichen Teil Georgiens, ist eine Woche vergangen.

Nach drei Tagen in Mestia fuhren wir in das Dorf Ushguli, das angeblich höchstgelegene bewohnte Dorf Europas, auf 2.200 Metern mitten im Kaukasus. Die Berge ragen bis 5.500 Meter auf, und der letzte Schneefall hat sie in herrliches Weiß gehüllt. Alle swanischen Dörfer sind von bis zu 20 Meter hohen Türmen umgeben, einige davon mehrere tausend Jahre alt. Die Historiker sind sich nicht einig, ob die Türme die Einwohner vor Lawinen, Steuereintreibern oder blutigen Familienfehden schützen sollten. Wie auch immer – die Türme haben Zeit, Wetter, Kriege und Religionen überdauert. Die Swanen sind stolz auf ihre Traditionen, ihr Dorf, ihre Gastfreundschaft und ihren Schnaps, den sie gerne teilen.

Das erste Glas brennt in meinem Hals, und die Augen werden ob der 70 Prozent Alkohol sofort rot. Wir sprechen über den Tag und lassen uns das Essen schmecken. Heute Morgen bestiegen wir den „Dorfhügel“ mit 3.200 Meter Höhe, großartigen Hängen und einer perfekten Aussicht auf die Fünftausender ringsherum. Als wir unsere Bedenken wegen der Schneeverhältnisse äußern, erzählen uns die Einheimischen von vier Skifahrern, die vergangenes Jahr in einer Lawine ums Leben gekommen sind. Um uns das Pech vom Leib zu halten, schenkt Jeremy noch ein Glas ein. Der Tradition entsprechend gießen wir einen Tropfen auf den Boden, um die Toten zu ehren.

Das Gelände der letzten beiden Tage war nicht unbedingt schwierig, hatte auf der Westseite einen guten Schneedeckenaufbau und war nicht windverblasen, dennoch bestand ein Restrisiko. Wir diskutieren unsere Entscheidungen und die Gefahren, denen wir während unserer Arbeit ausgesetzt waren (mit einem Kameramann und einem Fotografen im selben Hang wie der Skifahrer). Aber das Gelände bot keine Alternativen. Jeden Sonntagabend organisiert eine Familie des Dorfes einen „Apéro“ um ein Feuer vor der kleinen Kapelle, bei dem die Menschen gemeinsam beten, Schnaps trinken und Khachapuri, einen Käsekuchen, essen. Sie begrüßen uns mit Handschlag und schenken Gläser mit Chacha ein.

Wir versuchen, mitzuteilen, wie sehr wir ihre Gastfreundschaft schätzen, während das Glas reihum geht und immer wieder nachgefüllt wird. Im Sommer kommen viele Touristen in die Region, im Winter nur wenige. Für die 45 Kilometer von Mestia bis Ushguli braucht man bis zu drei lange Stunden. Oft versperren Lawinen die einzige Zufahrt zum Dorf. Eine Frau reicht mir das Glas. Ich trinke es aus, dann verlassen wir das Fest. Loris, Jeremy und ich laufen zu dem kleinen Kloster über dem Dorf, bei dem ich eine Kamera postiert habe, um den Sonnenuntergang zu filmen. Wir möchten Loris vorstellen, denn er war die letzten Tage krank und konnte noch mit niemandem sprechen. Wir betreten den Gemeinschaftsraum des alten Gebäudes.

Drei bärtige Männer sehen fern und laden uns ein, am Tisch Platz zu nehmen. Sie würden gerne ein paar Gläser Chacha mit uns trinken. Wie von Geisterhand stehen plötzlich Teller mit Obst, Keksen und Honig vor uns. Jeremy macht einen Trinkspruch, dankt unseren Gastgebern und sieht uns mit glasigen Augen an. Er scheint ebenfalls Angst vor dem Kater am nächsten Tag zu haben. Die Idee für die Reise hatte unser Fotograf Jeremy Bernard. Einer seiner Bekannten hatte ihm diesen Ort ans Herz gelegt. Von den Erzählungen und unserer Internetrecherche überzeugt, zögerten wir nicht lange. Wir kamen ohne Erwartungen, aber sehr neugierig. Die Sonne verwöhnte uns nur zwei Tage lang, aber die Schneebedingungen waren großartig.

Und obwohl das Skifahren ausgezeichnet war, begeisterten uns vor allem diese unglaublichen Menschen und ihre Traditionen, die sie mit uns teilten. So wurde diese Reise zu einer der authentischsten „Skireisen“, die ich je erleben durfte. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir schon an dem Tisch sitzen. Langsam fühle ich die Auswirkungen des Chacha und brauche frische Luft. Ich entschuldige mich unter dem Vorwand, meine Kamera holen zu müssen. Die Nacht ist klar, der mit Sternen übersäte Himmel wunderschön. Ich lege mich in den Schnee und genieße den Ausblick. Laika, einer der Wachhunde, nähert sich. Ich ziehe die Kapuze meiner Daunenjacke über und versuche zu vergessen, dass sich alles um mich herum dreht. Ich fühle mich sicher.

Laika passt auf mich auf. Es hat nicht einmal -10 Grad Celsius. Um 7:30 Uhr wache ich in meinem Bett auf und kann mich nicht erinnern, wie ich nach Hause gekommen bin. Jeremy und Loris schlafen noch. Ich nehme meine Kamera und mache Fotos von der kleinen alten Frau, die wie jeden Morgen seit wohl mehr als 70 Jahren die Kühe melkt. Ihre Hände ziehen mechanisch am Euter der dürren Kuh. In dem winzigen Kuhstall ist es dunkel. Fast vergesse ich meinen schrecklichen Kater. Die Frau verlässt den Stall und läuft über einen rutschigen Pfad Richtung Dorf. Sie trägt einen Blecheimer mit der frischen Milch, aus der sie gleich Käse machen wird, den wir die ganze Woche über gegessen haben.

Als der Himmel und mein Kopf aufklaren, realisiere ich, dass es hier viel mehr gibt als den allgegenwärtigen Grappa: das Dorf, die Menschen, das Essen und vor allem diese eindrucksvollen Berge.

"Gaomardjous" – CHEERS!
© Jeremy Bernard
"Gaomardjous" – CHEERS!
© Jeremy Bernard
"Gaomardjous" – CHEERS!
© Jeremy Bernard
"Gaomardjous" – CHEERS!
© Jeremy Bernard
"Gaomardjous" – CHEERS!
© Jeremy Bernard

Fahrer: Nicolas, Loris Falquet

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