BACKLINE Magazin
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Georgien · Caucasus Mountains (Gudauri)

Of Snow and Wine

Ausgabe 2016 · Text: Anne Wangler · Fotos: Christoph Jorda · 4 min Lesezeit

Of Snow and Wine

Es war April, in den Alpen blühten die ersten Blumen auf den Bergwiesen. Die Landschaft wurde grüner und es roch eindeutig nach Frühling. Frühling? Der Gedanke daran, dass der Winter bald …

Es war April, in den Alpen blühten die ersten Blumen auf den Bergwiesen. Die Landschaft wurde grüner und es roch eindeutig nach Frühling. Frühling? Der Gedanke daran, dass der Winter bald Vergangenheit sein würde, stimmte uns missmutig. Von der letzten Skitour zur Wildspitze zurück im Tal, beschlossen wir, den Tag gemütlich bei einem Glas Wein ausklingen zu lassen. Jochen und ich ließen die Saison 2015/16 noch einmal Revue passieren, schwelgten in Erinnerungen und fuhren vor unserem inneren Auge nochmal eine schöne, pulvrige Linie. Danach waren wir uns einig, dass der Frühling noch etwas warten durfte! Nur wo sollte die Reise hingehen?

Ich schaute auf die halbleere Flasche georgischen Rotwein, die vor uns stand, sah Jochen an, grinste und sagte: „Wie wär's mit der Wiege des Weines, Georgien?“ Zwei Wochen später saß eine bunt zusammengewürfelte Gruppe passionierter Freerider im Flugzeug nach Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, und wollte das „Abenteuer Osten“ erleben. Unser Ziel war der kleine, von mächtigen Vier- und Fünftausendern umringte Skiort Gudauri (2.300 Meter), den wir von Tiflis nach etwa 1,5 Stunden Taxifahrt erreichten. Von Serpentine zu Serpentine wurde es spürbar kälter und die Landschaft karger, jedoch fehlte die drei Meter dicke Schneedecke, die uns ein lokaler Bergführer im Vorfeld angekündigt hatte.

Am nächsten Tag verschafften wir uns einen Überblick über das Resort, scouteten einige schöne Linien aus und suchten vergebens nach der üppigen Schneedecke. Frühlingshafte Tagestemperaturen gepaart mit klirrend kalten Minusgraden nachts gaben dem Schnee sogar den Rest. Eis und Bruchharsch waren unsere ersten Herausforderungen. Doch gegen Mittag firnte es auf, so dass wir schöne, exponierte Linien fahren konnten. Die nächste Herausforderung folgte abends im Hostel: Wir bekamen „Chacha“ verabreicht, das Lieblingsgetränk der Locals. Am nächsten Tag stand fest: „Nie wieder Chacha!“. Wir blieben lieber beim köstlichen georgischen Rotwein.

In den kommenden Tagen folgten wir dem Motto „earn your turn“ und gewannen weitere Einblicke in das georgische Backcountry und in die unglaubliche Weite und Mächtigkeit des Kaukasus. Jede Variante war mühsam zu erlaufen, weshalb wir jeden Schwung besonders genossen, inklusive der Landschaft, die sich deutlich von den Alpen unterschied: unfassbar weit, mit spärlich besiedelten Tälern, mäandrierenden Flüssen, sanft ansteigenden ersten Bergketten im Schatten der mächtigen Massive dahinter. Bei Sonnenuntergang auf einem Gipfel zu stehen, umringt von den heiligen Riesen, war überwältigend. Wir waren dankbar für diese Momente. Schnell wurde uns das Potenzial dieser wilden Berglandschaft klar, das unsere Freerider-Herzen höher schlagen ließ.

Doch um Georgien auf Ski zu erkunden, brauchte es intensive Planung. Unsere Vorbereitungszeit war zu kurz gewesen, und so träumten wir im Backcountry von Gudauri bereits von größeren Trips in die kaukasischen Berge. Natürlich stand das Skifahren im Vordergrund, doch wir wollten auch etwas über Land und Leute erfahren. Als kulturelles Highlight besuchten wir das Bergkloster Lomisi oberhalb von Gudauri. Wir packten Obst, Gemüse und etwas Wein in die Rucksäcke und zogen die Felle auf. Nach etwa zwei Stunden Aufstieg auf dem Grat angekommen, kehrte jeder kurz in sich und ließ die ersten Eindrücke des Klosterbaus wirken, der hier oben Stein auf Stein sorgfältig errichtet worden war.

Wir übergaben die Gastgeschenke einem von drei Mönchen, der uns etwas distanziert, aber herzlich empfing, und betraten den magischen Ort. Der Mönch las im heiligen Buch, und es machte den Anschein, als würde er uns segnen. Im Anschluss wurden wir auf ein Glas hausgemachten Wein eingeladen. Die schwierige sprachliche Verständigung lockerten wir mit Gestik und Mimik auf – ein Lächeln hat oft größere Bedeutung als ein gesprochenes Wort. Mit eindrucksvollen Bildern im Kopf fuhren wir genussvoll Schwung für Schwung im Firn ab und stiegen die letzten 300 Höhenmeter mit den Skiern am Rucksack zu Fuß ins Tal. Dort begleiteten uns freilaufende Hühner und magere Kühe bis zum Auto. Hier mit all unserem Skimaterial unterwegs zu sein, war merkwürdig.

Wir fühlten uns das erste Mal von den Einwohnern kritisch und etwas wunderlich beäugt und bemerkten, dass unsere Anwesenheit sie nicht unbedingt freute. Irgendwie verständlich: Wir waren in einem fernen Land mit vielen Facetten unterwegs, besuchten kleine, schlichte Dörfer, deren von Armut geplagte Menschen für den nächsten Tag sorgen mussten. Und wir Touristen erkundeten ihr Land, hatten Spaß und fuhren Ski. Diese ehrlichen Einblicke halfen uns, das eigene Leben daheim wieder wert zu schätzen. Nachdenklich hinterfragten wir unseren Lebensstil, begannen zu reflektieren und zu philosophieren. Am nächsten Tag regnete es in Strömen, und nach etwa drei Stunden Wasserski ließen wir es gut sein.

Sämtliche Wettervorhersagen und auch der örtliche Bergführer bestätigten, dass keine Besserung in Sicht war. Schweren Herzens verstauten wir die Ski in ihren Bags und widmeten unsere restlichen drei Tage der Kultur Georgiens. Eine Stippvisite führte zum Kloster am Fuß des höchsten Berges Georgiens, des Kazbegi (5.033 Meter), der uns mit seiner Mächtigkeit unwiderstehlich in Bann zog. Die letzten eineinhalb Tage verbrachten wir in Tiflis, das vom Kontrast zwischen Moderne und Altstadt lebt. Letztere ist mit ihren urigen Straßen und vielen kleinen Restaurants und Bars besonders in den Abendstunden sehr belebt.

Das Sahnehäubchen bildeten die köstlichen georgischen Spezialitäten wie Kachapuri, Lobiani und Khinkhali, begleitet vom einen oder anderen Glas Rotwein. Auch der Besuch im typisch georgischen Sulfitbad durfte nicht fehlen, wo wir ein letztes Mal auf den gelungenen Trip anstießen, bevor wir zum Flughafen aufbrachen. Unser Resümee: Georgien, dieses etwas ausgefallene Ziel für Freerider, hat uns mit seinen atemberaubenden Bergketten und unglaublich schönen Faces begeistert. Gepaart mit der Gelassenheit seiner Menschen ist es einfach grandios. Danke und bis bald, eurasische Schönheit.

Of Snow and Wine
© Christoph Jorda
Of Snow and Wine
© Christoph Jorda
Of Snow and Wine
© Christoph Jorda
Of Snow and Wine
© Christoph Jorda
Of Snow and Wine
© Christoph Jorda

Fahrer: Gabriella Edebo, Anne Wangler, Benjamin Binz, André Pschera, Jochen Reiser

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