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Japan · Hokkaido

Hokkaido

Ausgabe 2011 · Text: Regina Lind · Fotos: Christian Weiermann · 5 min Lesezeit

Hokkaido

In einer Karaokebar hören wir uns selbst durch ein hallendes Mikrofon das Lied „No woman no cry" singen. Unsere Reisecrew, die Snowboarderin Regina Lind, der Photograph Christian Weiermann und die …

In einer Karaokebar hören wir uns selbst durch ein hallendes Mikrofon das Lied „No woman no cry" singen. Unsere Reisecrew, die Snowboarderin Regina Lind, der Photograph Christian Weiermann und die Skifahrer Michi Trojer, Peter Riesch und Florian Hellberg, blamiert sich beim Karaokesingen bis auf die Knochen, wir haben aber riesen Spaß dabei. Hinter uns liegen zwei Wochen voll von bunten Eindrücken beim Skifahren und Skitourengehen auf der Insel Hokkaido im Norden von Japan. Dass hier einiges anders läuft, wird uns gleich nach unserer Ankunft am Flughafen klar. Denn das Autofahren mit unserem Mietwagen auf der „falschen" Straßenseite fordert einiges an Konzentration und mitunter auch den energischen Hinweis des Beifahrers: „Links!".

Dafür geht es relativ gemächlich dahin. Auf Hokkaido ist die Maximalgeschwindigkeit auf den Landstraßen 50 km/h und auf dem Highway darf gerade einmal zehn Stundenkilometer schneller gefahren werden. Auf der Fahrt nach Niseko, unserem ersten Ziel, bekommen wir gleich einen ersten Vorgeschmack auf den japanischen Winter: Die Straße ist mit 30 Zentimetern Pulverschnee bedeckt und es schneit bei minus 8 Grad Celsius als würde eine Schneekanone auf das Auto gehalten. Das Besondere an Japan ist, dass sich die kontinentale Kaltluft von Russland und China unter die feuchte Meeresluft schiebt und dadurch gewaltige Niederschläge verursacht.

Wir dürfen uns am nächsten Morgen selbst von diesem Phänomen überzeugen: Bei einem Meter Neuschnee genießen wir einen der legendären Powdertage. Das Gelände am Vulkan ist geprägt von lichten Birkenwäldern, die auch bei schlechter Sicht perfekt zum Skifahren sind. Der Powder ist dermaßen tief, dass er uns fast den Atem nimmt und uns der eigene Spray die Sicht raubt. Für Fotos ist keine Zeit, es ist einfach nur Powdergenuss angesagt. Unser Ziel in Niseko ist es, den Mt. Yotei, einen komplett alleine stehenden Vulkan mit 1.898 Meter, zu besteigen. Am Abend lichten sich die Wolken das erste Mal komplett und wir können unser Ziel für den nächsten Tag sehen.

Der Wetterbericht ist gut und die Temperaturen sind etwas wärmer angesagt – um minus 5 Grad Celsius. Gute Voraussetzungen für unseren Plan. Nach einem ausgiebigen japanischen Frühstück beginnen wir mit dem Aufstieg. Erst geht es durch schöne Birkenwälder mit beeindruckenden Anraumformationen, bis wir dann auf offenes Gelände kommen. Die letzten Meter bis zum Kraterrand sind noch etwas tückisch, da sich durch warme Ausscheidungen zum Teil größere Hohlräume gebildet haben, die beim Darüberlaufen zusammenbrechen. Immer wieder steigen uns leichte Schwefelfahnen in die Nase. Oben am Krater bietet sich eine Aussicht über das gesamte Umland bis ans Meer.

Wir können der Verlockung nicht widerstehen und nehmen die 150 zusätzlichen Höhenmeter Aufstieg in Kauf, um in das Kraterbecken abfahren zu können. Da der Krater windgeschützt ist, ist der Schnee super und das Szenario, in einen nahezu kreisrunden Vulkankrater abzufahren, beeindruckend. Nach dem kleinen Aufstieg zurück an den Kraterrand suchen wir uns den Einstieg in unsere Rinne, die wir für die Abfahrt geplant hatten. Wegen der gleichmäßigen Temperaturen und den großen Niederschlagsmengen ist die Schneedecke sehr stabil und unserer Abfahrt steht nichts im Weg. Jeder von uns kann sich eine eigene Rinne für seine Abfahrtsspur aussuchen.

Ein Pflichttermin zur Abrundung jeden Tourentages ist der Besuch des Onsen, einer traditionellen heißen Naturquelle. Nach ein paar Tagen mit blauem Himmel und Sonnenschein haben wir auf der Straße nach Asahidake ein Déjà-vu. Wieder setzt starker Schneefall ein und unsere Mundwinkel bahnen sich ihren Weg Richtung Ohren. Für den nächsten Tag ist Wetterbesserung in Sicht. Im Outdoor-Onsen, der von hohen Schneewechten umgeben ist, planen wir für den nächsten Tag die Tour auf den Mt. Asahidake (2.290 Meter). Bei dieser Tour müssen wir auf eine weitere alpine Gefahr achtgeben – Schwefelquellen. Schon bald sehen wir die riesigen weißen Wolken, die aus der Schneeoberfläche geschossen kommen.

Glücklicherweise befindet sich unsere Aufstiegsroute auf der Luv-Seite der Quellen und so bleibt uns das zarte Aroma von faulen Eiern erspart. Bei starkem Wind und eisigen Temperaturen genießen wir kurz das wunderschöne Panorama mit Fernblick am Gipfel und brechen bald zur Abfahrt auf. Uns hat es vor allem der Ost-Hang des Berges angetan, der jedem die Möglichkeit bietet, seine individuelle Linie zu finden. Erst nach ein paar Schwüngen sind die Knochen wieder aufgetaut und wir können die lange Abfahrt bis ins Tal genießen. Aufgrund der schon angesprochenen reduzierten Reisegeschwindigkeit müssen wir unsere Reiseplanung anpassen und so wird aus einer Autofahrt von 600 Kilometer zum Shiretoko-Nationalpark schon mal eine Zweitagestour.

Das bietet uns aber Gelegenheit, die verschiedenen Facetten dieser Insel kennenzulernen und in Kontakt mit den Menschen zu kommen. Bei Einbruch der Dunkelheit beschließen wir, im nächsten Ort eine Übernachtung einzulegen. Da wir weder die japanischen Zeichenkombinationen verstehen, noch irgendwo römische Schriftzeichen finden, fragen wir eine Einheimische nach einer Unterkunft. Dank Flo's charmanter Art und ein paar Brocken Japanisch lässt die Frau ihren Gymnastikkurs sausen und bringt uns zu einer kleinen Pension am Ortsrand. Wie wir dort erfahren, sind wir die einzigen Gäste in der einzigen Pension im zweitkleinsten Ort auf Hokkaido.

Unsere Ankunft scheint sich schnell herumzusprechen und ehe wir uns versehen, sitzen wir mit dem Pensionsbesitzer, unserer Begleiterin, deren Tochter und weiteren Dorfbewohnern am Tisch und bekommen örtliche Spezialitäten zum Verkosten. Den ganzen Abend über gibt es einen regen Austausch an Information und eine Vorstellung der wunderbaren japanischen Gastfreundschaftlichkeit, die wir uns zum Beispiel nehmen sollten. Bei strahlendem Sonnenschein fahren wir an der Küste Richtung Osten weiter, wobei unsere Aufmerksamkeit vor allem auf die weißen Flecken auf dem Meer gerichtet ist. Endlich bekommen wir das Drift-Ice zu sehen.

Bei nächster Gelegenheit wird natürlich sogleich der erste Kontakt mit den Eisschollen, die aus Alaska an die Nord-Ost-Küste von Hokkaido getrieben werden, vollzogen. Im Hintergrund sind auch die ersten Berge zu erkennen, die von der Ferne perfekte Ziele für die morgige Skitour mit Abfahrt an das Eismeer bieten. Als Abendszenario dürfen wir einen wunderschönen Sonnenuntergang über dem Ochotskischen Meer erleben. In unserer Unterkunft angekommen, verspricht die Wettervorhersage nichts Gutes für den kommenden Tag. Stattdessen tost das Meer und gewaltige Wellen werfen die Eisschollen durcheinander. Wir müssen leider unseren Traum von einer Abfahrt direkt zum Eismeer für eine nächste Japanreise aufheben.

Bevor sich unsere Japanreise beim Karaokesingen dem Ende zuneigt, lernen wir auch das japanische Glücksspiel Patchenko kennen – der Inbegriff für Spielhölle. Eine Halle mit hunderten Spielautomaten, übermäßigem Lärm aus den Lautsprechern und den Spielautomaten, die uns mit ihrer Reizüberflutung völlig überfordern, zeigt uns die weniger ruhige und zurückhaltende Seite Japans. Da ziehen wir doch die gemütliche Karaokebar vor, um unsere sehr eindrucksvolle Reise bei skurrilen Gesangsvorstellungen ausklingen zu lassen.

Hokkaido
© Christian Weiermann
Hokkaido
© Christian Weiermann
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© Christian Weiermann
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© Christian Weiermann
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© Christian Weiermann
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© Christian Weiermann

Fahrer: Florian Hellberg, Regina Lind, Peter Riesch, Michael Trojer

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