Frankreich · Mont Blanc
In Search of my Limits
Ausgabe 2020 · Text: Ben Tibbetts · Fotos: Ben Tibbetts · 5 min Lesezeit

Colin und ich saßen kurz vor Mitternacht in der kleinen Kapelle über dem See in Champex, am nordöstlichen Ende des Mont-Blanc-Massivs. Der Plan war die 89 Kilometer lange Höhentraverse in einem Zug …
Colin und ich saßen kurz vor Mitternacht in der kleinen Kapelle über dem See in Champex, am nordöstlichen Ende des Mont-Blanc-Massivs. Der Plan war die 89 Kilometer lange Höhentraverse in einem Zug. Obwohl wir die Lawinenvorhersage überprüft hatten und das Wetter stabil schien, machten uns einige Wechten an den Graten Sorgen. Ich hatte kaum geschlafen, die Müdigkeit verstärkte meine Zweifel. Draußen sorgte eine Straßenlaterne für fahles Licht. Ich stellte die Kamera auf eine Wand und startete das Video. Colin wippte unbehaglich von Fuß zu Fuß, während ich ein Gedicht vorlas: „Wildgänse“ von Mary Oliver. Es klang wie ein Gebet.
Ihre Worte über die Suche nach Mitgefühl klangen, als würde sie mich anflehen, meine Beweggründe für diese Suche nach meinen physischen Grenzen noch einmal zu hinterfragen. Die Mont Blanc Royal Traverse verläuft über eine Strecke von 41 Kilometern entlang der Hauptachse des Berges über Gletscher und Grate. Im Jahr 2012 wollten Kilian Jornet und Stéphane Brosse diese klassische Route über das gesamte Massiv verlängern. Ihr Versuch endete abrupt, als auf der Aiguille d'Argentière unter Stéphane eine Wechte einstürzte – er überlebte den Sturz nicht. Im Frühjahr 2013 nahmen Misha Gopaul, Ally Swinton und ich die erste Hälfte der Querung von Jornet und Brosse in Angriff. Wir begannen um 2 Uhr morgens.
Wir spurten durch den anfangs verharschten Schnee, der bald windverfrachtet und tiefer wurde. Kurz nach Mittag fuhr Ally als Erster in den Osthang der Bionnassay ein. Wir folgten seiner Spur, die plötzlich an einer Kante verschwand. Mir wurde schnell klar, was geschehen war: Ally war von einem Schneebrett die steile Südwand hinuntergespült worden. Es gab keinen sicheren Weg, ihn zu erreichen, deswegen riefen Mischa und ich den Rettungsdienst. Nach fünfzehn Minuten sahen wir Ally plötzlich 600 Meter weiter unten auf den Gletscher taumeln. Dann kam der Hubschrauber, sammelte erst ihn auf und holte dann Mischa und mich mit der Winde vom Berg. Erst Anfang 2018 fühlte ich mich bereit, es erneut zu versuchen.
Auf einer Trainingstour im Januar wurde ich allerdings von einer gewaltigen Lawine erfasst. Der Unfall verfolgte mich. Die Lust auf Risiko war mir erst einmal vergangen. Dennoch reizte mich der Gedanke an das unvollendete Projekt von Jornet und Brosse. Im Frühjahr hatte ich eine Idee, die uns einen größeren Sicherheitsspielraum geben würde: Wir würden die Route umkehren und von Norden kommen. So würden wir die exponiertesten Hänge nachts überqueren, wenn der Schnee kalt und fest war. Um Mitternacht stiegen Colin und ich auf Fellen das lange Arpette-Tal hinauf, kletterten über alte Lawinenkegel und gingen weiter zum Col des Ecandies. Als wir die Trienter Hochebene überquerten, hielt uns eine stetige Brise in Bewegung.
Bald war auch der Mond am Horizont versunken. Am Col du Chardonnet zogen wir uns auf Steigeisen an einem Fixseil nach oben. Hinter der Grenze nach Frankreich schnallten wir die Ski wieder an und zogen vorsichtige Schwünge durch den Altschnee. Kurz nach 5 Uhr morgens trafen wir Seb Montaz auf dem Argentière Gletscher. Ab hier ging es wieder nach oben. Das Zwielicht der Morgendämmerung erhellte langsam die Felsen um uns herum. Auf dem Col des Cristaux entschieden Colin, Seb und ich, dass wir auf der eisigen Südseite hinunterklettern statt fahren sollten. Bald erreichten wir den Gletscher und fuhren schließlich auf Ski in Richtung Sonne. Schnell wurde es wärmer. Ganze Horden an Skifahrern waren bereits im Vallée Blanche unterwegs.
Drei Stunden später gesellte sich auf dem Col du Midi Vivian Bruchez zu uns. Die nächste Stunde aßen und tranken wir einen Wochenvorrat an Pizza und Limonade, den Vivian mitgebracht hatte. Danach fuhr Seb ins Tal, Vivian schloss sich für den Rest der Tour unserer Gruppe an. Der Nachmittag verging wie im Flug. Bald ging die Sonne hinter dem Aravis unter. Über den Gletscher seilten wir an, dann fuhren wir über den Kamm des Piton des Italiens in die Dunkelheit hinab. Ich spurte für die anderen über den schmalen Schneegrat der Aiguille de Bionnassay. Als ich müde wurde, übernahm Vivian und führte uns bis zum Gipfel. Bei der Abfahrt erschien das Gelände viel steiler. Wir machten in einer Hütte Pause, um ein paar Liter heißes Wasser zu trinken.
Um 3 Uhr morgens begannen wir, den zerklüfteten Miage-Kamm hinaufzuklettern. Im Laufe der nächsten Stunden wurde ich immer erschöpfter und abwesender. Wenn Colin oder Vivian redeten, musste ich mich stark konzentrieren, um ihren Worten Sinn zu geben. Es fühlte sich an, als würde ich immer wieder aus einer Vollnarkose aufwachen. Nach einer weiteren Nacht ohne Schlaf schien mein Bewusstsein langsam in eine andere Dimension abzudriften – so, als wäre ich in einem Traum gefangen. Vielleicht war das genau der Zustand, den ich immer ersehnt hatte, fernab der alltäglichen Realität. Als wir das Montjoie-Tal erreichten, war bereits die Sonne aufgegangen.
Auf dem Weg zur Kirche in Les Contamines fiel es mir schwer, meiner Freude über das, was wir geschafft hatten, Ausdruck zu verleihen. Ich brauchte einen ganzen Tag Schlaf, um mich zu erholen. Als die Erschöpfung endlich nachließ, sah ich mir die wenigen Fotos an, die ich gemacht hatte – Bilder, die die Intensität des Erlebten kaum wiedergeben konnten. Ich versuchte alles aufzuschreiben, bevor die Erinnerung verblasste. Nach zwei Tagen fragte ich mich, ob ich jemals wieder dort oben im Licht der Berge stehen würde. Für eine Zeit lang erschien der Komfort des Lebens im Tal so unwirklich, doch dann wurde auch das wieder zur Gewohnheit.
Vielleicht hatte ich irgendwo zwischen meinen Träumen von Licht und Schatten in den Bergen ein wenig von dem Selbstbewusstsein und dem Zugehörigkeitsgefühl gefunden, über die Mary Oliver geschrieben hatte. Ohne Zweifel würde ich mir in Zukunft noch öfter diese Frage stellen können, denn meine Suche geht weiter...





Fahrer: Colin Haley, Ally Swinton, Vivian Bruschez



