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Frankreich · Vanoise (Les Avals / Courchevel)

Wilderness, right on our Doorstep

Ausgabe 2017 · Text: Timy Théaux · Fotos: Arthur Bertrand · 5 min Lesezeit

Wilderness, right on our Doorstep

Der Wecker klingelt um 7 Uhr. Zeit, sich auf den Weg zu machen, um das hintere Ende dieses riesigen Tales namens Les Avals zu erkunden. Dieses Abenteuer schwirrt mir schon lange im Kopf herum, aber …

Der Wecker klingelt um 7 Uhr. Zeit, sich auf den Weg zu machen, um das hintere Ende dieses riesigen Tales namens Les Avals zu erkunden. Dieses Abenteuer schwirrt mir schon lange im Kopf herum, aber ungünstige Schneeverhältnisse, Lawinengefahr oder andere Verpflichtungen hielten mich bisher immer davon ab. Und das, obwohl das Tal direkt an das Skigebiet von Courchevel grenzt und deswegen leicht zu erreichen ist. Die örtlichen Führer lieben Les Avals. Es ist ein fantastischer Spielplatz für sie und ihre Kunden, direkt vor der Haustür des luxuriösen Savoyer Pisteneldorados.

Wir wollen dessen vorhandene Infrastruktur nutzen, um den Transport unserer Ausrüstung und Verpflegung für mehrere Tage zu erleichtern und dann die weniger bekannten, wilderen und steileren Bereiche des Tales zu erforschen. Im Tal von Les Avals gibt es, nicht weit voneinander entfernt, zwei Hütten. Die Refuge de Grand Plan ist ein großes, modernes, gut ausgestattetes Haus, das früher Sommer wie Winter in Betrieb war, seit dem Lawinentod des Hüttenwarts im Dezember 2013 jedoch geschlossen ist. Die zweite, die Refuge Lacs Merlets, wird nur im Sommer bewirtet. Sie ist weniger luxuriös, aber die kleine Hütte mit ihrem steilen, dreieckigen Dach hat einen ganz eigenen Charme.

Sie ist Teil des Vanoise Nationalparks und bietet alles Notwendige: Herd, Holz, Gas, Betten und Kerzen. Die Schneequalität war im März bisher problematisch. Die Region sah reichhaltige Schneefälle, gefolgt von einer brutalen Wärmeperiode, was zu sehr instabilen Bedingungen führte. Ein leichter Schneefall und mehrere Schönwettertage sind für uns Grund genug, um loszuziehen. Mit der Roc Merlet Sesselbahn fahren wir mit unserer Ausrüstung bis zu dem Grat, der uns zur Refuge Lacs Merlets führt. Als wir die Zivilisation hinter uns lassen, betreten wir ein wildes, isoliertes Tal. Die Hütte erinnert mich an ein Puppenhaus, das jemand einfach in den Schnee gesetzt hat. Unser erstes Ziel ist das nördliche Couloir des Grosse Tête (2.728 Meter).

Wir folgen dem Talboden nach Süden, bevor wir mit den Skiern auf dem Rücken in die südlichen Couloirs einsteigen. Der Schnee ist stabil, alles ist gut erreichbar. Das Panorama von oben ist einfach atemberaubend. Zu unserer Linken ist das Ende des Les Avals-Tals mit den Vanoise-Gletschern im Hintergrund. Uns direkt gegenüber liegt der lange Gebroulaz-Gletscher und die höchsten Berge des Skigebietes zu unserer Rechten. Auf dem Gipfel des Grosse Tête können wir auf der Nordseite zwischen zwei Couloirs wählen. Ich entscheide mich für einen schmalen 45-Grad-Hang, der oben durch ein Felsband führt, das je nach Schneelage nicht immer befahrbar ist. Es sieht pulvrig aus. Großartig!

Weil ich befürchte, der Schnee könnte abrutschen, fahre ich schnell und sauber durch den steilen Abschnitt. Der Schnee ist wunderbar tief und weich. Doch dann kommt ein windverblasener Bereich. Weiter unten genießen wir dann aber wieder fluffigen Powder. Um zur Hütte zurückzukehren, müssen wir wieder 100 Höhenmeter mit Fellen nach oben. Das Picknick in der Sonne auf der Terrasse vor Augen, legen wir einen Zahn zu, denn langsam geht die Sonne unter. Schließlich leuchtet nur noch die Aiguille de Chanrouge im letzten Sonnenlicht. Ein magischer Moment. Unser nächstes Ziel ist das nördliche Couloir der Aiguille du Rateau (2.888 Meter). Die Nordwand bietet mehrere Couloirs, aber eines ist besonders interessant – das nur durch ein Felsnadelöhr zugängliche.

Vom Tal aus klettern wir in die Südhänge der Rateau. Diese Seite hat Schnee, stabil und tragend – ideale Bedingungen! Wir sind direkt unter dem berühmten Nadelöhr, durch das wir das nördliche Couloir erreichen. Das Loch liegt nur ein paar Meter über uns, aber die Passage ist schneefrei und wir müssen klettern. Der Schnee auf der Nordseite scheint kalt, frisch und etwa zwanzig Zentimeter tief zu sein. Ein Felsblock blockiert unseren Weg nach nur 20 Metern. Wir fixieren uns am Nadelöhr und seilen mit angeschnallten Skiern ab. Mit 45 Grad ist der Hang ab da ziemlich steil, aber er lässt sich extrem gut fahren. Es folgen zwei weitere große Couloirs. Ein halbstündiger Aufstieg bringt uns schließlich zur Hütte zurück.

Wir beenden den Tag am Herd, spielen Karten und genießen eine Flasche Rotwein. Am nächsten Morgen baden Dômes de Polset und Grosse Tête in der Entfernung bereits im Sonnenlicht. Wir fahren ins Tal ab, deponieren den Großteil unserer Ausrüstung hinter einen Felsen und nehmen nur das Wichtigste mit. Unser Ziel ist das nördliche Couloir der Roche Nue (2.981 Meter). Die Bedingungen haben sich verändert und der Schnee ist windverblasen. Mit den Skiern auf dem Rücken und dem Eispickel in der Hand steigen wir in den Nordhang ein. Der Aufstieg durch den Schnee bis zum Gipfel des Hanges mit seinen steilen Felswänden links und rechts ist mühsam.

Wir verzichten auf die letzten Meter bis ganz oben, da die daran hängende Schneewechte nicht unbedingt vertrauenswürdig aussieht. Das wunderschöne Couloir hingegen möchte befahren werden. Und zwar schnell! Der Hang ist schön gleichmäßig und hat 40 bis 45 Grad Gefälle. Aufgrund der Bedingungen müssen wir aber vorsichtig sein. Wir ziehen gleichmäßige, leichte Schwünge bis nach unten. Die Oberschenkel brennen. Wir holen unsere Rucksäcke hinter dem Felsen hervor, setzen uns in die Sonne und essen die Reste der Vortage. Mit der Abfahrt auf der klassischen Tourenroute von Les Avals, die uns schließlich nach Courchevel Moriond bringt, geht unser Abenteuer zu Ende. Wir sind wieder an unserem Ausgangspunkt.

Wir haben nur einen kleinen Teil der höheren Regionen des Les Avals-Tals erkundet, aber schon das hat extrem viel Spaß gemacht. Will man unabhängig sein und trotzdem einen gewissen Grundkomfort genießen, dann ist die Refuge Lacs Merlets das ideale Basecamp. Die umliegenden Hänge – die meisten davon Nordhänge mit nie mehr als 700 Höhenmetern – sind ein himmlischer Spielplatz. Echte Wildnis, direkt vor der Haustür.

Wilderness, right on our Doorstep
© Arthur Bertrand
Wilderness, right on our Doorstep
© Arthur Bertrand
Wilderness, right on our Doorstep
© Arthur Bertrand
Wilderness, right on our Doorstep
© Arthur Bertrand
Wilderness, right on our Doorstep
© Arthur Bertrand

Fahrer: Bertrand Clair, Charlène Plaisance, Timy Théaux

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