Österreich · Karwendel
My Backcountry Diaries
Ausgabe 2017 · Text: Anton Brey · Fotos: Anton Brey · 5 min Lesezeit

Das Warten hat sich gelohnt. Die Euphorie über den ersten Schnee im November hat sich längst gelegt. Es ist der 10. Januar, heute ist Stichtag. Nach drei Stunden Spuren im knietiefen Pulverschnee …
Das Warten hat sich gelohnt. Die Euphorie über den ersten Schnee im November hat sich längst gelegt. Es ist der 10. Januar, heute ist Stichtag. Nach drei Stunden Spuren im knietiefen Pulverschnee haben wir den Sattel erreicht. Es ist kalt, saukalt, minus 20 Grad Celsius. Als wir aus dem Nordwest-exponierten Kar aussteigen und die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht spüren, ist das wie eine Neugeburt. Die Eiskristalle glitzern im Gegenlicht wie Sternenstaub. Die Aussicht über die Täler und Gipfel, die uns umgeben, zeigt sich heute von ihrer schönsten Seite. Da ist die Verwunderung groß, dass mein Fotoapparat im Rucksack bleibt.
Von dieser Abfahrt gibt es nur eine Handvoll Smartphone-Bilder, die meine Begleiter gemacht haben, und keines davon hat es ins Internet geschafft. Und das ist gut so! Während gefühlt die halbe Welt auf der Suche nach Pulverschnee rund um den gesamten Globus jettet und die andere Hälfte etwas verzweifelt „Pray for Snow“ in den sozialen Netzwerken postet, bereite ich mich auf den Schnee zuhause vor. Dafür besorge ich mir den neuesten Skitourenführer und die dazu notwendigen Landkarten für das Karwendelgebirge, den fast magischen Ort zwischen Tirol und Bayern. Sicherlich hat jeder schon von diesem Gebirgsstock und den Namen, die untrennbar damit verbunden sind, gehört. Da wäre zum Beispiel Hermann von Barth.
Er hat das Gebirge in seiner Gänze erschlossen, indem er 1870 88 Gipfel bestieg, davon zwölf Erstbesteigungen. In den 1920ern war die damalige Kletterelite an der Laliderer-Nordwand am Werk. Otto „Rambo“ Herzog, Angelo Dibona, Matthias Auckenthaler, Toni Schmid, Mathias „Hias“ Rebitsch und Heinz Mariacher setzten Meilensteine mit ihren neuen Routen. Durch die langen Zustiege in die Täler verlor die Kletterei jedoch alsbald ihren Reiz. Heute werden die zahlreichen Hütten meist nur von Mountainbikern und Wanderern genutzt. Dies ist auch der Grund dafür, warum hier nur am Rand des Gebirges Ski gefahren wird. Wer schleppt schon gerne seine Ausrüstung die langen 25 Kilometer ins Tal hinein, um dann eine Skitour mit 1.500 Höhenmetern zu starten?
Klar, das kann man schon einmal machen, aber ganz bestimmt nicht jedes Wochenende. Die letzten drei Wochen im Januar verbringe ich damit, jeden freien Tag das Gebirge zu erkunden. Und so bin ich zwei Tage in Pertisau, die restlichen in Scharnitz. Den Ort kennt man eigentlich nur vom Durchfahren. Tatsächlich ist er aber das Tor zum Karwendel und außerdem Heimat einer weiteren Person, die zutiefst mit diesem Gebirge verwurzelt ist: Heinz Zak, seines Zeichens Alpinfotograf, leidenschaftlicher Kletterer und Slackline-Guru. Seine Bilder und Bücher zeigen das Karwendelgebirge aus Perspektiven, die wohl die wenigsten von uns jemals live zu sehen bekommen werden. Nur selten bin ich auf meinen Touren alleine unterwegs.
Es findet sich fast immer jemand, den ich dazu bewegen kann, mich zu begleiten. So erhalte ich über die Tage und Wochen einen guten Überblick, wie der Schneedeckenaufbau ist, wann man wo zu sein hat, um noch guten Schnee zu finden. Unterm Strich sind diese drei Wochen im Januar die besten der Saison. So kommt es vor, dass eine kleine Erkundungstour dann schon einmal den ganzen Tag dauert und die Felle des Öfteren ab- beziehungsweise wieder aufgezogen werden. Immer wieder öffnet sich ein unverspurtes Kar oder eine Rinne, die uns wie ein Magnet anzieht. Wenn wir dann am Ende des Tages unsere Höhenmeter zählen, wollen wir es überhaupt nicht wahrhaben, was alles zusammen gekommen ist. Mit Beginn des Monats Februar wechseln die Verhältnisse.
Es wird langsam wärmer und die Schneefallgrenze steigt oftmals auf 2.000 Meter. Aber es geht noch überraschend gut zu fahren. Klar, man hat nicht immer Pulverschnee, aber das ist es doch, was das Skifahren ausmacht. Hauptsache draußen sein, Neues entdecken und die Landschaft mit all ihren Launen erleben und genießen. Ab Februar merkt man jede Woche, wie sich der Stand der Sonne in Bezug auf die Expositionen der Hänge verändert. An Stellen, wo den ganzen Tag keine Sonne hinkam, zeichnet jetzt das Licht die Schatten der schroffen Grate in die Kare. Wir meiden diese Kare, so gut es geht, und werden immer wieder auf der Suche nach gut fahrbarem Schnee in den nordseitigen Rinnen fündig. Der März ist gelinde gesagt eine echte Katastrophe.
Die schwankende Nullgradgrenze bringt immer mal wieder Neuschnee, danach kommt der Wind. Mitte März mache ich mich mit Markus Schubert auf den Weg, um zu sehen, wie es da oben aussieht. Schon bei der Gratüberschreitung erkennen wir, dass ein riesiges Schneebrett aus dem Kar ausgebrochen ist. Die zig Male, die ich in diesem Winter bereits hier war, hatte ich immer Respekt vor genau dieser Stelle. Wir querten sie immer einzeln und unter der Felswand, damit wir kein Schneefeld über uns hatten. Für die heutige Tour haben wir zwei Optionen. Wir wissen schon vor der Querung unter der Abrisskante, wie es in der Rinne aussieht, und so ist es dann auch.
Da die Gruppe hinter uns mit unserer Entscheidung, hier nicht einzusteigen, übereinstimmt, entscheidet sie sich, über den Aufstieg wieder ins Tal abzufahren. Während einer kurzen Pause besprechen wir Plan B und wählen schließlich eine Variante etwas östlicher. Hier sind die kritischen Stellen durch die etwas andere Exposition bereits durch Selbstauslösungen entschärft. Wir werden mit einer traumhaften Abfahrt belohnt. Es macht sich immer bezahlt, wenn man sich in einer Gegend auskennt. Die letzte Viertelstunde zum Auto müssen wir die Skier wieder tragen, und das Gefühl, dass dies die letzte Tour der Saison im Karwendel sein würde, bestätigt sich in den folgenden Wochen. Da helfen auch die ganzen Prophezeiungen nichts, die mir zugetragen werden. Wir sehen uns nächsten Winter wieder in meinem geliebten Karwendel.





Fahrer: Markus Schubert



