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Frankreich · Mont Blanc Range (Chamonix)

Old Friends New Friends

Ausgabe 2023 · Text: Max Draeger · Fotos: Max Draeger · 4 min Lesezeit

Old Friends New Friends

Mitte Januar lassen sich rund um Innsbruck zwar hier und da brauchbare Bedingungen zum Freeriden finden, die Schneemenge ist jedoch unterdurchschnittlich. Den Hochwinter haben sich Anne Wangler, Eric …

Mitte Januar lassen sich rund um Innsbruck zwar hier und da brauchbare Bedingungen zum Freeriden finden, die Schneemenge ist jedoch unterdurchschnittlich. Den Hochwinter haben sich Anne Wangler, Eric Hjorleifson und ich irgendwie anders vorgestellt. Als sich am westlichen Alpenhauptkamm schließlich ein massiver Sturm ankündigt, beschließen wir spontan, die Flucht zu ergreifen und fahren nach Chamonix. Nach rund sieben Stunden erreichen wir nachts Argentière. Immerhin regnet es nicht, als wir unser Auto in der Einfahrt vor Stians Haus parken, sondern es schneit heftig. Eric hatte seinen langjährigen Freund und Arc'teryx Teamkollegen vorher kurz gefragt, ob er da sei und Lust hätte, uns einen Tag zu begleiten.

Als Bergführer kennt er schließlich die Berge rund um seine Wahlheimat perfekt. Er bot uns direkt an, im Gästezimmer neben der Boulderwand zu übernachten. Dass wir am Ende fast eine Woche bei ihm, seiner Frau Andrea und ihren zwei Kindern wohnen würden, war uns da noch nicht klar... „Okay, das ist echt krass!“ Ich spreche aus, was Anne denkt. An der Gondel der Grands Montets Bahn herrscht wildes Gedrängel, zu zehnt werden wir in die kleine Gondel gequetscht. Am Ausstieg habe ich noch nicht einmal Luft geholt und meinen Schuh geschlossen, da strömen die Powderfreaks schon in alle Richtungen ins Gelände. Stian trägt einen roten Helm, dem folgen wir im dichten Schneetreiben in unbekanntes Terrain.

800 Tiefenmeter später stehen wir wieder in der Liftschlange. „So ist Chamonix. Ein bisschen verrückt. Das ist der erste richtige Wintersturm der Saison, also sind die Leute super hungrig,” erklärt uns Andrea, die früher als Pro die Welt bereist hat und sich heute um das Athletenteam von Völkl kümmert. Wir sind eine andere Geschwindigkeit am Berg gewöhnt und müssen erstmal damit klarkommen. Doch Stian wäre nicht Stian, wenn er uns nicht immer wieder mit neuen, unverspurten Runs im offenen Lärchenwald überraschen würde. Ohne Local wären wir hier aufgeschmissen. So dürfen wir uns vollkommen aufs Skifahren konzentrieren und genießen den halben Meter Neuschnee in vollen Zügen.

Unvorstellbar, dass hier vor eineinhalb Tagen noch die grüne Wiese herausgeschaut hat. Nach drei Tagen Warten auf Lawinensprengungen, epischen Treeruns, lustigen Abenden in den Bars von Chamonix samt Live Musik und Tech Talks klart das Wetter schließlich auf und präsentiert die Berge in einem strahlend weißen Kleid. Statt uns dem Trubel im Resort hinzugeben, fellen wir auf. Stian spurt mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks zum Col des Rachasses. Anne, Eric und ich folgen mit komplett zugezogener Daunenjacke und Kapuze, die Heizsocken laufen auf Hochtouren. Es hat -28° Celsius. Doch nicht nur die Kälte raubt uns fast den Atem. Als wir über eine Geländekuppe ziehen, offenbart sich der gewaltige Anblick des Argentière-Beckens.

Über uns die Hängegletscher der Aiguilles Verte, auf der anderen Talseite streift die tiefstehende Januar-Sonne über die Gipfel der Aiguilles d'Argentière und der Aiguilles de Chardonnet. Links daneben zeigt sich bereits unser heutiges Tagesziel, der 3.028 Meter hohe Col du Passon. Im Moment für uns aber viel spannender ist die vor uns liegende Abfahrt ins schattige Gletscherbecken. Kritisch beäugen wir die etwas steilere Geländestufe, doch der Wind hat der Schneedecke so gut wie nichts getan. Annes erster Turn wirbelt eine gigantische Menge Schnee auf, dann folgt ein lauter Jauchzer. Und noch einer! „Das ist der beste Schnee aller Zeiten!” tönt es aus dem Funkgerät.

Durch die eisigen Temperaturen und die klare Nacht ist der Schnee extrem trocken – echter Champagne Powder, den selbst die Pros in der Gruppe sonst eigentlich nur aus Übersee kennen. Das kupierte und etwas flachere Gelände lädt anschließend zum Spielen ein und beschert uns den wohl besten Tag der Saison. Vollgepumpt mit Endorphin und Adrenalin und einem breiten Grinsen im Gesicht ziehen wir schließlich die Felle auf. Fast wäre es auf der Sonnenseite im Aufstieg schon wieder gemütlich geworden, doch das Finale, eine felsdurchsetzte Rinne zum Col du Passon, präsentiert sich ungemütlich: Immer wieder zwingt uns der Spindrift zum Stehenbleiben. Am Ausstieg müssen wir aufpassen, das Material nicht an den Sturm zu verlieren.

Für einen Moment halte ich inne, spüre wie der Wind an der Jacke reißt, spüre die eisigen Kristalle wie Nadelstiche im Gesicht und fühle mich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Dann tauchen wir wieder ein in die schattigen Nordhänge des Glacier du Tour. Vor uns liegen 1.700 Meter feinster Pulverschnee.

Old Friends New Friends
© Max Draeger
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© Max Draeger
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© Max Draeger
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© Max Draeger

Fahrer: Stian Hagen, Eric Hjorleifson, Anne Wangler

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