USA (Alaska) · Saint Elias Range (Wrangell Mountains)
The Slotterhouse
Ausgabe 2014 · Text: Thomas Gaisbacher · Fotos: Garrett Grove · 5 min Lesezeit

Nachdem Frau Holle es heuer mit Osttirol besonders gut gemeint hatte, galt meine ganze Aufmerksamkeit meiner Heimat. Ich machte mir keine großen Gedanken über Ski-Trips. Erst, als Ende März eine …
Nachdem Frau Holle es heuer mit Osttirol besonders gut gemeint hatte, galt meine ganze Aufmerksamkeit meiner Heimat. Ich machte mir keine großen Gedanken über Ski-Trips. Erst, als Ende März eine Warmfront nicht abziehen wollte, fing ich an nachzuforschen, wo noch gute Bedingungen zum Skifahren herrschten. Da klingelte plötzlich das Telefon. Einer meiner Sponsoren rief an und wollte wissen, ob ich Interesse an einem Trip nach Alaska hätte. Allein das Wort Alaska reichte aus, wie ferngesteuert einfach nur „Ja!“ zu sagen. Die Infos waren spärlich. Ich erfuhr, wann ich in Anchorage die Jungs von Powderwhore treffen sollte, Jonah und Noah Howell, Andrew Mclean und den Fotograf Garrett Groove, und bekam eine Materialliste für einen zweiwöchigen „heavy camping trip“, zu dem wir mit einem Flugzeug in die Wrangell-Mountains (St.Elias Range) aufbrechen würden.
Ok! Aber was zum Teufel ist ein „heavy camping trip“? Und überhaupt – campieren in Alaska? Nach kurzem Mailverkehr mit Andrew Mclean wusste ich, dass unser Basecamp nicht weit vom Landeplatz entfernt wäre und es nicht auf das Gewicht des Gepäcks ankäme. Ich solle genug mitnehmen für das Leben fernab jeglicher Zivilisation, denn das Flugzeug würde uns erst zwei Wochen später abholen. Das Campen auf Eis und Schnee sollte ich mir vorstellen wie im Sommer, nur halt im Winter... Diese Erklärung bereitete mir doch einiges Kopfzerbrechen. Eine oder zwei Nächte im Biwak - ok, aber zwei Wochen im Zelt bei -20 Grad Celsius und jeden Tag Touren? Wohin mit den nassen Klamotten, dem feuchten Innenschuh? In Anchorage lernte ich die Crew kennen.
Wir kauften Lebensmittel ein, schlugen im Getränkemarkt zu und verstauten alles in einem Van. Dabei wurde klar, was „heavy camping trip“ bedeutete: vier Zelte inklusive einem großen Kuppelzelt, einen Ofen, Campingstühle und Tisch, Paninitoaster, Töpfe, flaschenweise Whisky - und feuchtes Toilettenpapier. Fünf Stunden Autofahrt später luden wir alles auf dem kleinen Landeplatz bei Chitina in das Flugzeug unseres Piloten Paul. Der schüttelte nur den Kopf und meinte: „Mehr Bier als Jeremy Jones und mehr Whisky als die Russen“. Nach einer Stunde Flug über endlose Gebirge landeten wir auf einem großen gefrorenen See in einem Gebiet, das Andrew Mclean „The Slotterhouse“ genannt hatte.
Die Berge waren in Wolken gehüllt, wir errichteten unser Basecamp auf einer kleinen Anhöhe oberhalb des Sees. Vorsichtig wurde der Ofen im Zelt installiert, ein rundes Loch in die Außenhülle geschnitten und das Kaminrohr durchgesteckt. Als wir uns einen Begrüßungsdrink gönnten, klarte der Himmel auf und wir standen vor einer atemberaubenden Kulisse. Das Lager befand sich unmittelbar vor den Eingängen nebeneinander liegender Täler, aus denen riesige Gletscher züngelten. Die in goldenem Sonnenlicht strahlenden Gipfel zeigten wie Messer in den Himmel, und Andrew erzählte vielversprechend, was in den Valleys auf uns wartete. Am nächsten Tag war leider wieder alles Weiß in Weiß.
Wir unternahmen eine kleine Erkundungstour, leider war die Schneedecke alles andere als stabil. Die Schichten waren unverbunden, was hohe Lawinengefahr bedeutete. Wir konnten zwei lohnende Couloirs befahren, dann zeigte sich Alaska von seiner weniger schönen Seite: Schneestürme und eisige Temperaturen um die -15 Grad Celsius hielten uns in den Schlafsäcken. Als dann das erhoffte Schönwetterfenster kam, spurten wir bei bestem Pulverschnee in Richtung Valley One. Die Lawinensituation hielt uns im flachen Gelände, wo wir riesige Gletscherhänge befuhren. Am höchsten Punkt unserer Tour angekommen, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wo wir uns befanden. Soweit man blicken konnte nichts als Berge, riesige Eisflächen und Stille. Unbeschreiblich!
Bei stabilem Wetter entdeckten wir in den anderen Tälern unglaubliche Möglichkeiten. Gerade gewöhnten wir uns an unsere neue Spielwiese und dachten, einschätzen zu können, welche Hänge sicher waren. Keine Anzeichen von Spannungen im Schnee, keine störenden Schichten im Schneeprofil. Während wir einen großen Hang hinauf spurten, passierte es: Ich stand hinter einem Felsblock, als ein lauter Knall ertönte und mich riesige Schneeschollen zu Boden drückten. Irgendwie konnte ich mich festhalten, doch Garrett hinter mir verschwand über die Felswand. Neben mir setzten sich fußballfeldgroße Schneeflächen in Bewegung. Dann Stille und eine riesige Staubwolke. Ich schrie, keiner antwortete. Dann hörte ich Gott sei Dank Schreie, dass alles in Ordnung sei.
Noah wurde nicht allzu weit mitgerissen. Jonah befand sich ebenfalls hinter einem Felsvorsprung, und Andrew stand oberhalb des Anrisses. Nur Garrett machte einen Abgang über die komplette Flanke und zwei große Felsbänder. Wie durch ein Wunder passierte ihm nichts, bis auf eine blutende Nase und eine ausgerissene Bindung. Wir hatten sehr großes Glück! Nach dieser Aktion war die Motivation im Keller, noch verstärkt durch die nächste Schlechtwetterfront. Wir ruhten aus, organisierten uns und leerten ein paar Flaschen. Dann wurde es sehr warm, und als der Schnee sich gesetzt hatte, wagten wir einen Versuch an den großen Couloirs im Valley One.
Auch wenn wir uns nicht mehr so um die Lawinensicherheit sorgten, stiegen Noah und ich mit etwas mulmigen Gefühlen auf. Andrew stapfte eine Rinne weiter rechts hoch. Es tat gut, wieder auf den Skiern zu stehen, da der Schock noch in unseren Knochen saß. Nach einer etwas schnelleren Abfahrt nahm jeder ein weiteres Couloir in Angriff, so dass wir nach über 2.500 Höhenmetern etwas müde ins Camp kamen. Am letzten Tag gerieten wir im Valley Four ins Staunen, wo eine atemberaubende Linie auf die nächste folgte. Leider gab es überall Selbstauslösungen, so dass wir nur einen kleinen Berg bestiegen.
Abschließend konnten Andrew und ich doch noch das 1.000 Höhemeter lange Couloir am Eingang des Valley Four befahren, welches wir ständig vom Lager aus betrachtet hatten. Als das Campingleben gerade Routine geworden war, hieß es zusammenpacken, denn Pilot Paul sollte uns um zehn Uhr vormittags abholen. Pünktlich auf die Minute hörten wir etwas schon fast Fremdes – das Geräusch eines Motors. Auch wenn die Verhältnisse nicht die besten waren und wir skitechnisch sehr zurückstecken mussten, war es ein unvergesslicher Trip in einer fantastischen Landschaft. Die Natur in ihrer reinsten Form erleben zu dürfen, war allein die Reise wert. Und ja, es stimmt: Glacier-Camping ist wie Campen im Sommer, nur halt im Winter.





Fahrer: Thomas Gaisbacher, Noah Howell, Andrew McLean, Jonah Howell



