USA · Cascade Range
Tracing the Ice
Ausgabe 2025 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 3 min Lesezeit

Eis ist wie ein Buch, es erzählt die Geschichte der Erde. Erst am Ende seiner jahrtausendealten Kapitel finden sich Zeilen, die von Menschen geschrieben wurden. Was erzählen sie? Was hat sie an diese eisigen Ufer geführt? Wo haben sich meine eigenen Spuren mit den ihren gekreuzt? In den Bergen …
Eis ist wie ein Buch, es erzählt die Geschichte der Erde. Erst am Ende seiner jahrtausendealten Kapitel finden sich Zeilen, die von Menschen geschrieben wurden. Was erzählen sie? Was hat sie an diese eisigen Ufer geführt? Wo haben sich meine eigenen Spuren mit den ihren gekreuzt? In den Bergen meiner Heimat Washington State liegen mehr als zwei Drittel aller Gletscher der USA (ohne Alaska). Nur hier fällt so viel Schnee, dass er nie ganz schmilzt. Manchmal sind es über 25 Meter in einem Winter – genug, um jeden Skifahrer vor den Schneegöttern, die uns diese Fülle schenken, demütig werden zu lassen. Doch die Gletscher verschwinden, Jahr für Jahr werden sie karger.
Genau deshalb ist es wichtig, ihre Geschichten zu bewahren, zu fragen, was diese Orte für uns bedeuten. Deshalb habe ich mir vorgenommen, alle Gletscher Washingtons zu dokumentieren, auf Ski zu besteigen und fotografisch festzuhalten. Die North Cascades bilden das letzte Kapitel. Auf ihren Gipfeln liegen jene Eisfelder, die ich noch nicht betreten habe, verstreut über ein Gebirge, das ich auf viele Arten schon durchquert habe. Aber es bleibt immer Platz für neue Spuren. Das Jahr zuvor umrundete ich den Mount Buckner (2.777 Meter), einen der höchsten Gipfel der Kette. Auf der Route konnte ich nicht nur vier mir unbekannte Gletscher erreichen, sondern auch den Spuren von Ureinwohnern, Goldsuchern, Schriftstellern und Skifahrern folgen.
Ihre Berichte zeigen, wie wild, inspirierend und auch furchteinflößend diese Orte noch immer sind. So war es auch, als wir uns Mount Buckner näherten und unter dem Johannesburg Mountain (2.500 Meter) vorbeizogen. 1896 berichtete Lawrence Kaye Hodges hier von Goldsuchern und schrieb über das „donnernde Krachen, das den Blick zum gegenüberliegenden Berg zieht, wo jede Rinne zwischen den unbezwingbaren Zacken mit einem schmalen, stürzenden Strom aus Eis gefüllt ist, zerbrochen in riesige Wogen.“ Dieses Donnern stammt von hoch oben am Johannesburg Glacier, den die Minenarbeiter einst „Shivering Glacier“ nannten. Gemeinsam mit Carl Simpson und Ashton Richie umrundete ich Buckner, stieg auf den Quien Sabe und den Boston Glacier, wo wir die Nordwand des Buckner versuchten – 2002 erstmals
befahren von Fred Marmsater, Andrew McLean, Petra Pirc und Martin Volken. Doch die Sonne hatte den Gipfelhang vereist, und so traversierten wir zum Thunder Creek Glacier. Soweit ich weiß, wurde er noch nie mit Ski befahren, auch wenn Lowell Skoog 1987 dort eine Skiexpedition anführte. Mein nächster Gletscher war der Fremont, benannt nach John Charles Frémont, einem umstrittenen Offizier, Wissenschaftler und Politiker des 19. Jahrhunderts. Forstaufseher Albert „Hal“ Sylvester ehrte damit wohl seine wissenschaftliche Arbeit – so wie er auch die Wyeth-, Douglasund Lewis- Gletscher nach anderen Entdeckern des amerikanischen Westens benannte. Die letzten beiden Gletscher meiner Umrundung waren Buckner und Davenport.
Mount Buckner selbst trägt den Namen des Prospektors Henry Freeland Buckner (1851–1910), der in Horseshoe Basin eine Mine betrieb. Laut seinem Neffen Harry verbrachte er dort den harten Winter 1909/10 mit einer Mannschaft aus 30 Männern und einer Frau, Lydia George. Lawinen verschütteten ihre Hütte vollständig, sodass sie sich Schneetunnel zum Atmen graben mussten. Buckners Männer trieben Stollen von 150 Metern Länge in den Berg – bei lediglich zwanzig Zentimetern pro Tag. Ich versuchte Überreste der Davenport-Mine zu finden, doch vergeblich. Beeindruckend bleibt die Vorstellung von Morrison
M. Kingman (1859–1938) und Joseph L. Pearsall, die sie 1890 erstmals lokalisierten. Pearsall war bekannt für die Entdeckung der Monte-Cristo-Minen, doch es war Kingman – wohnhaft in Davenport, Washington, und ein Freund von John C. Davenport – der Mine und Gletscher ihren Namen gab. Bevor wir abstiegen, stand ich allein auf dem Grat des Horseshoe Basin, wo sich die Felswände wie ein aufgeschlagenes Buch öffneten. Seiten aus Gipfeln lagen wie aufgefächert vor mir – das Panorama der North Cascades. Am meisten zählen jene Geschichten, die verborgen bleiben: Spuren und Erinnerungen, eingefroren im Eis, wartend darauf, wieder ans Licht zu kommen.





Fahrer: Aston Ritchie, Carl Simpson



