Chile · Southern Andes (Villarrica)
Villarrica - Mountain of Fire
Ausgabe 2011 · Text: Dominique Daher · Fotos: Dominique Daher · 4 min Lesezeit

Ich erzähle diese Geschichte gerne bei einigen Gläsern Pisco Sour. Der schmeckt, wirkt verlässlich und weckt meine Erinnerungen auf eine sehr authentische Art und Weise. Irgendwann im Frühsommer 2009 …
Ich erzähle diese Geschichte gerne bei einigen Gläsern Pisco Sour. Der schmeckt, wirkt verlässlich und weckt meine Erinnerungen auf eine sehr authentische Art und Weise. Irgendwann im Frühsommer 2009 fragten mich die Freerider Elyse Saugstad, Cody Townsend und Phil Meier, ob ich sie als Fotograf bei einem Trip nach Südchile begleiten wollte. Die drei planten, dem Vulkan Villarrica einen Besuch abzustatten. Ich googelte und fand recht schnell heraus, dass Villarrica mit seinen 2.840 Metern Höhe nicht gerade zu den Riesen seiner Zunft gehört, dafür aber zu den aktivsten und gefährlichsten Vulkanen weltweit zählt. Die Neigung der Hänge schien allerdings mit rund 30 Grad nicht gerade anspruchsvoll zu sein.
Keine Ahnung also, was die Jungs dort wollten – aber egal – ich verstand schließlich auch nicht, warum Schmetterlinge wie hypnotisiert leuchtende Glühbirnen anfliegen und damit ihr Schicksal besiegeln. Zwischen Furcht und Vergnügen ist oftmals nur ein schmaler Grat. Für einige Menschen gehört dieser Tanz zwischen Angst und Faszination zum alltäglichen Balanceakt. So zum Beispiel für die Einwohner des Ortes Villarrica in Südchile und für die zahlreichen Besucher des aktiven Vulkans. Fast immer lassen sich am Villarrica feuerrotes Magma und imposante Rauchwolken beobachten. Der Krater am Gipfel des Vulkans hat einen Durchmesser von gut einem Kilometer.
Meistens brodelt die Lava tief im Förderschlot, was nachts den Dampf rot illuminiert und eine unglaublich beeindruckende Atmosphäre zaubert. Ungefähr alle 20 Jahre kann dieses Schauspiel jedoch auch tödlich enden. Über 50 mächtige Ausbrüche wurden in den letzten 500 Jahren registriert. Sie forderten Hunderte von Opfern. Das Dorf Villarrica lebt vom Tourismus. Fast alle Geschäfte im Ort bieten geführte Vulkantouren an. Wir hatten Glück im Unglück. Die Gefahr einer Eruption war während unserer Aufenthaltstage so hoch, dass alle Anbieter lieber zu Hause blieben. Zudem war auch noch der Zubringer-Sessellift wegen starker Schneeverfrachtungen geschlossen. Ein Anflug von Beklemmung und Aufregung erfasste mich.
Ich fragte mich kurzzeitig, ob wir tatsächlich da hochgehen oder uns nicht doch lieber einige Gläser Pisco Sour genehmigen sollten. Am Ende überwogen aber die Neugierde und die Vorfreude auf ein spannendes Abenteuer. Der Weg hinauf war nicht so geschmeidig, wie wir erwartet hatten. Im Laufe des Anstiegs mussten wir immer wieder Durchstiege durch heikle Abschnitte finden, die alles andere als flach waren. Jeder Schritt wurde von einem sehr markanten Geruch begleitet, der mich frappierend an eine Übernachtung in einem Berghüttenlager nach einem gemeinsamen pikanten Omelett-Essen erinnerte. Mehrmals stellte ich mir die existenzielle Frage, was denn nun das geringere Übel sei – atmen oder nicht atmen?
Erst nach drei Stunden näherten wir uns endlich dem Gipfel. Vernünftige Bergsteiger hätten für die letzten 100 Höhenmeter zum Rand des Kraters mit Sicherheit Steigeisen und Pickel eingepackt. Wir nicht. Um ehrlich zu sein: wir hatten so ziemlich gar nichts dabei, um ein ernstes Unternehmen durchzuziehen. Wir hatten ja keine ernsthaften Herausforderungen erwartet. Am höchsten Punkt angekommen, starrten wir wie hypnotisierte Kaninchen das glühende Magma an. Wie ferngesteuert stiegen wir über die Lavafelder hinunter und ich begann erst zu ahnen und dann zu verstehen, warum die Schmetterlinge vom Licht wie durch einen Magnet angezogen werden. Meine Skibrille schützte meine Augen, meine Hals-Bandana war um die Nase gebunden.
Das war kein „Shaun White Fashion-Statement". Nein! Es war viel mehr die einzige Möglichkeit, den beißenden Gestank zu ertragen und einigermaßen atmen zu können. Wir waren vielleicht noch 150 Meter von dem pulsierenden Vulkanblut entfernt. Der Anblick der heißen, roten Flüssigkeit fesselte uns, wir konnten uns an diesem so realen und zugleich bizarren Schauspiel nicht sattsehen. Auf dem Rückweg zum höchsten Punkt dämmerte es bereits. Natürlich hatten wir uns beim Aufstieg wie üblich einige schöne Sprünge und Linien angeschaut. Aber all diese Überlegungen waren plötzlich komplett vergessen. Wir spielten nicht in den kleinen Halfpipes und suchten nicht die schönste oder die kühnste Linie.
Wir fuhren einfach nur Vollgas runter und lieferten uns ein Wettrennen mit der Sonne. Die Vorstellung, dass der gute Villarrica aufwachen würde, trieb uns ans Limit. Ich stellte mir vor, wie riesige, glühende Steine am gesamten Hang einschlagen würden, wie fließendes Magma Schnee und Eis zum Schmelzen bringt und wie sich Schlammlawinen die Pisten hinunterwälzen würden. Nur mit viel Überwindung drehte ich mich um und – tatsächlich – der gesamte Vulkankegel war feuerrot erleuchtet. Obwohl ich meine Skispitzen kaum noch sehen konnte und mir die Angst bereits serienweise den Schauder über den Rücken jagte, ließ ich die Ski noch schneller laufen.
Am Parkplatz angekommen realisierte ich, dass es nur der von glühender Lava beleuchtete Dampf war, der mir solche Angst eingeflößt hatte. Mein Puls beruhigte sich langsam. Wir saßen noch lange am Pickup und schauten uns müde und hungrig das Naturschauspiel an. Die Pisco Sour Gläser haben wir an diesem Abend nicht gezählt. Sie schmeckten aber irgendwie noch besser als sonst.




Fahrer: Phil Meier, Elyse Saugstad, Cody Townsend



