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Österreich · Glockner Group

Wiesbachhorn

Ausgabe 2019 · Text: Thomas Gaisbacher · Fotos: Thomas Gaisbacher · 4 min Lesezeit

Wiesbachhorn

In der Vergangenheit plante ich nie mehr als einen Tag für die Befahrung einer Steilwand in den Alpen, sei es die Matterhorn Ostwand, das Canalone Neri oder die Pallavicinirinne. Doch das …

In der Vergangenheit plante ich nie mehr als einen Tag für die Befahrung einer Steilwand in den Alpen, sei es die Matterhorn Ostwand, das Canalone Neri oder die Pallavicinirinne. Doch das Wiesbachhorn war anders. Seitdem ich in den Bergen unterwegs bin, ist es mir immer ins Auge gestochen. In Osttirol sieht man es von nahezu jedem Dreitausender aus. Seine Südostflanke wirkt beeindruckend, aber auch beängstigend. Bei Pulverschnee ein nicht enden wollender Traum, bei schlechten Bedingungen eher ein Horrorszenario. Was dazu kommt, ist die Tatsache, dass man 2.700 Höhenmeter aufsteigen muss und der Zustieg lang ist. Wahrscheinlich habe ich bis jetzt deswegen das Wiesbachhorn immer nur angesehen, es aber auf meiner „To Do Liste“ ganz unten angesiedelt.

Die Südrinne des Wiesbachhorns fasziniert mich schon lange. 1.600 Höhenmeter durch eine durchgängige Felswand sind untypisch für die Ostalpen. Doch es gibt fast keine Informationen darüber. Wenn die Rinne im Hochwinter mit Schnee gefüllt ist, ist die Lawinengefahr zu hoch. Im Frühjahr löst sich der Schnee aus den Felsen und donnert zu Tal. Was bleibt, sind vereiste Rutschkanäle und große Lawinenkegel im Auslauf. Letzten Februar bemerkte ich beim Aufstieg zum Ritterkopf, dass am Wiesbachhorn unerwartet perfekte Verhältnisse herrschten. Doch über welche Route sollte ich aufsteigen? Als hätte er meine Gedanken gelesen, kontaktierte mich mein Freund Oliver Winkler: Er und sein Bruder Fred hatten eine dreitägige Durchquerung der Glocknergruppe geplant.

Lediglich das Ende sei noch unklar. Für mich war dies die Antwort auf meine Frage. Jetzt hatte ich meine besondere Tour. Wir starteten voll bepackt in Heiligenblut. Unser erstes Ziel war die Oberwalderhütte (2.972 Meter), die wir über die Straße bis zur Franz-Josefs-Höhe und dann über den Normalweg gemütlich erreichen wollten. Doch wir hatten den Plan ohne den Wind gemacht. Aufgrund von Windverblasungen erwies sich der Zustieg als steil und ausgesetzt. Als dann auch noch die Tunnel zur Oberwalderhütte versperrt waren, bedeutete dies Abstieg auf den Gletscher der Pasterze und einen Umweg von zusätzlichen 350 Höhenmetern. Nach über sieben Stunden erreichten wir endlich unser Ziel. Wir freuten uns auf den Winterraum.

Zu unserem Entsetzen hatte der Wind die komplette Hütte unter Schnee begraben. Nun hieß es schaufeln. Vier Stunden später hatten wir endlich den Eingang zum Winterraum frei. Unser Plan für den nächsten Tag war die Befahrung der Fuschkarkopf Nordwand. Doch die Nordwand war komplett ausgeblasen. Also beschlossen wir, so viele Gipfel wie möglich auf unserem Weg zur Gruberscharten Biwakschachtel (3.104 Meter) zu machen. Wir kletterten auf den Vorderen Bärenkopf (3.249 Meter), fuhren ab und stiegen weiter zum Mittleren Bärenkopf (3.358 Meter). Von dort hatten wir den perfekten Überblick über unsere Route. Wir stapften weiter über den langen Grat zum Großen Bärenkopf (3.395 Meter) und deponierten nach der Abfahrt in der Dockscharte unsere Skier.

Über interessante Felsformationen kletterten wir weiter zum Hohen Dock (3.348 Meter). Wieder zurück in der Scharte, querten wir den Gletscher und erreichten schließlich unser Tagesziel. Aus der Ferne erschien das Biwak wie eine kleine Raumsonde, die so gar nicht in die Landschaft passte. Begleitet von einem unglaublich schönen Sonnenuntergang genossen wir in der Biwakschachtel unser gefriergetrocknetes Abendessen. Mit den ersten Sonnenstrahlen ging es am letzten Tag mit den Skiern am Rucksack über den Südgrat der Klockerin (3.425 Meter) bis zum windverblasenen Gipfel. Nach einer unschönen Abfahrt erreichten wir die Bratschenkopfscharte (3.295 Meter), fellten auf und erreichten kurz darauf den Hinteren Bratschenkopf (3.413 Meter).

Jetzt sahen wir zum ersten Mal das Wiesbachhorn. Frontal gesehen wirkte der Gipfelhang unfassbar steil und ausgesetzt. Auch eine große Lawinenanrisskante durch die Hälfte der Flanke verstärkte das mulmige Gefühl in unseren Mägen. Würde der Schnee halten, der noch rechts unter dem Gipfel klebte? Zunächst mussten wir hinunter in die Wielingerscharte (3.265 Meter). Nur eine kleine Aussparung am Grat deutete auf eine mögliche fahrbare Linie hin, allerdings gespickt mit gepresstem Schnee auf grauem, hartem Untergrund, dazu kam eine kleine Felsstufe. Gut durchgeschüttelt erreichten wir den Gletscherboden und konnten endlich unser eigentliches Projekt in Angriff nehmen. Je höher wir stiegen, desto steiler wurde es.

Die Anrisskante wirkte bedrohlich, aber nach mehrmaligem Check stellten wir fest, dass sich der Schnee gut mit dem Untergrund verbunden hatte. Schritt für Schritt kletterten wir nach oben. Endlich erreichten wir den Gipfel. Vorsichtig näherte ich mich der Felskante und konnte es fast nicht glauben: Der Schnee sah vielversprechend aus, keine Lawinenkegel, keine Anzeichen von Schneebrettern. Ich fuhr als Erster ein. Zuerst noch zögerlich, aber als der Schnee beim zweiten Schwung locker wegspritzte, war ich wieder in meiner Komfortzone und fuhr mit großen Turns bis zum Einstieg in die Südrinne. Ihr oberer Teil war bereits von der Sonne aufgeweicht und man musste auf seinen eigenen Sluff aufpassen.

Danach öffnete sich die Rinne zu einem riesigen Hang mit perfektem Firn. Es war gigantisch, durch eine derartige Wand abzufahren. Als dann auch noch der Schnee pulvrig wurde, waren wir überwältigt. Im Auslauf surften wir dann erneut über Firn in Richtung Ferleiten. Wir waren definitiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Nach insgesamt 2.700 Höhenmetern Abfahrt trafen wir in Fusch an der Glocknerstraße ein und gönnten uns ein wohlverdientes Gipfelbier. Diese Durchquerung mit anschließender Steilwandabfahrt war meine erste Mission dieser Art in den Ostalpen. Nun weiß ich, wieviel Potenzial in den heimischen Bergen steckt und dass die Infrastruktur nicht im Tal endet. Im Gegenteil: Die Winterräume und Biwaks sind wahre Schmuckstücke in einer unglaublichen Landschaft.

Wiesbachhorn
© Thomas Gaisbacher
Wiesbachhorn
© Thomas Gaisbacher
Wiesbachhorn
© Thomas Gaisbacher
Wiesbachhorn
© Thomas Gaisbacher
Wiesbachhorn
© Thomas Gaisbacher

Fahrer: Fred Winkler, Oliver Winkler, Thomas Gaisbacher

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