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Schweden · Nallo Mountain (Lappland)

Wild Winter Camping

Ausgabe 2014 · Text: Anders Wingqvist · Fotos: Fredrik Schenholm · 5 min Lesezeit

Wild Winter Camping

Eine Flasche schottischer Whisky, zwei Transportfahrten mit dem Snowmobil, drei Fahrer, vier Zelte, fünf Freunde und sechs Tage und Nächte in der Wildnis. Kommt mit auf ein Wintercamp in den großen …

Eine Flasche schottischer Whisky, zwei Transportfahrten mit dem Snowmobil, drei Fahrer, vier Zelte, fünf Freunde und sechs Tage und Nächte in der Wildnis. Kommt mit auf ein Wintercamp in den großen und weit abgelegenen Bergen im nördlichsten Schweden. An einen Ort, wohin keine Straßen führen, wo es keinen Handyempfang gibt und wo man eine ganze Woche lang keine anderen Skifahrer sieht. Eine wilde Wintergegend, in der Dinge klarer erscheinen können als jemals zuvor – die Nordlichter, die grandiose Schönheit der Natur, vor allem aber die reine, ehrliche Freude daran, das Erlebnis Skitourengehen und Wintercampen mit einer Handvoll guter Freunde zu teilen. Dünne Wolken bedecken den Himmel.

Die drei Freunde sind auf dem Weg zum 1.997 Meter hohen Sielmatjåkka, 16 Kilometer nördlich vom höchsten Berg Schwedens, dem Kebnekaise. Tomas Bergemalm gibt mit seiner leichten Ausrüstung ein gutes Tempo vor. Der Telemarker Per Jonsson ist direkt hinter ihm, gefolgt von Daniel Furberg auf seinem Splitboard. Als sie die Senke am Fuß des Berges erreichen, ihren Startpunkt für den Aufstieg, ziehen dicke Wolken um den Gipfel. So ist der Winter im nördlichsten Lappland. Und das Team ist alleine. Es gibt keinen Handyempfang, und die Sami, die sie mit ihren Snowmobilen hier heraus gebracht haben, sind längst wieder in der zwei Stunden südlich gelegenen Alpenvereinshütte von Nikkaluokta zurück.

Der 37-jährige Tomas Bergemalm war schon öfter in ähnlichen Situationen. Er durchquerte Grönland, kletterte in Peru auf 6.000 Meter hohe Berge und verbrachte neun Winter in Kanada, Frankreich und in der Schweiz. Tomas zurrt seine Ski am Rucksack fest, um den Gipfel zu Fuß anzupacken. Mit zunehmender Bewölkung stellt sich die Frage, ob die Gruppe im diffusen Licht den Aufstieg durch die schöne Südwestflanke des Sielmatjåkka schaffen wird. Kurz darauf sieht Tomas, mit deutlichem Vorsprung vor den anderen, wie das Licht über ihm durch die Wolkendecke bricht. „Vielleicht komme ich bald aus dieser Wolkensuppe und sehe das Wolkenmeer von oben?“, denkt er, rammt stoisch einen Fuß nach dem anderen in den Schnee und kommt dem Gipfel Schritt für Schritt näher.

Den Freunden hinterlässt er eine perfekte Spur. Tomas steigt äußerst effektiv. Seine gleichmäßige Geschwindigkeit bringt ihn schnell nach oben, gleichzeitig spart er Kraft für die Abfahrt mit energiegeladenen weiten Schwüngen. Es wird heiß. Die Wolken scheinen sich aufzulösen. Tomas Bergemalm stößt durch die Wolken und sieht unter sich ein Meer aus Watte. Nur die höchsten Berge Norwegens und der Kebnekaise sind hoch genug, um, wie Eisberge aus dem Wasser, über die Wolken zu reichen. Alleine genießt er die Ruhe, bevor Daniel und Per zu ihm stoßen. Ihre Reise nach Nallo in die weiße, schwedische Wildnis begann ein paar Tage zuvor. Die erste Etappe führte sie in die Minenstadt Kiruna. Die zweite in den Coop-Supermarkt.

Sie füllten ihren Einkaufswagen mit Verpflegung für ein paar Tage, mit Snacks für unterwegs und Toilettenpapier. Auf der Rechnung standen 274 Euro: Essen für fünf Personen und sechs Tage. Zählt man die Kosten für den Bus von Kiruna nach Nikkaluokta und den Snowmobil-Transport nach Nallo und zurück dazu, dann kostete der Trip 180 Euro pro Person. Ein Skiabenteuer in Nordschweden ist wirklich bezahlbar. Allein der Wochenskipass in einem der großen, überfüllten Skigebiete der Alpen kostet genauso viel. Fünf Passagiere saßen im Bus von Kiruna in das Samidorf Nikkaluokta, zusätzlich zu den drei Fahrern der Fotograf Fredrik Schenholm und der Filmemacher Eirik Nicolai Heim.

Das Dorf am Ende der öffentlichen Straße, wo die Wanderwege beginnen, ist Heimat für etwa ein Dutzend Familien, die im Winter fast alle vom Tourismus leben. 20 Kilometer westlich erhebt sich das Kebnekaise-Massiv, weiter im Nordwesten liegt Nallo oder „Nadel“. So heißen der Berg mit seinem spitzen, kleinen Gipfel und die Ansammlung von Berghütten im breiten Stuor-Räitavagge-Tal. Das Team wechselte vom Bus auf zwei Motorschlitten mit Anhängern, auf denen die Sami sie mit einer Sondererlaubnis in das Gebiet um Nallo und seine etwa 2.000 Meter hohen Gipfel brachten. Zwei Stunden später kamen sie dort an. Ihre vier Zelte stellten sie rund 200 Meter von den Berghütten Nallos entfernt auf.

Sie errichteten ein kleines Camp im Schnee mit einem großen Schneewall um den Platz, an dem sie essen würden, auf Stühlen und einem Tisch aus Schnee. Auch die Toilette wurde aus Schnee gebaut. Zwei Iglus ohne Dach, das große mit einer Grube in der Mitte, das kleinere für die kleineren Geschäfte. Beim Aufbau war der Himmel bewölkt, aber die Wolken verzogen sich. Und dann kam sie: die Aurora Borealis. Das schimmernde grüne Licht aus aufgeladenen Teilchen, die in die Erdatmosphäre eintreten. In der von Kunstlicht völlig verschonten Umgebung im Schnee liegend, einen Kaffee mit einem Schuss warmem schottischen An Cnoc Whisky in der Hand, beobachteten sie in aller Ruhe die grünen Nordlichter, die sich gegen die schwarze Unendlichkeit abzeichneten, in der kleine weiße Sterne funkelten.

Sie interpretierten das Naturschauspiel als gutes Omen für die kommenden sechs Tage. Ein paar Tage später stehen Tomas Bergemalm und Daniel Furberg auf dem Gipfel des fast 2.000 Meter hohen Sielmatjåkka. Durch die Wolken unter ihnen sehen sie Per Jonssons blaue Jacke. Er ist immer besser zu sehen, was nicht an seiner Aufstiegsgeschwindigkeit liegt, sondern daran, dass sich die Wolken auflösen. Wind und Sonne helfen sich gegenseitig, die Wolken rund um den Sielmatjåkka zu vertreiben. Als sie ihr Mittagessen auf dem Gipfel beenden, können sie bis an den Fuß des Berges sehen – und sogar einige der Täler und Berge, die sie in den Tagen zuvor bestiegen hatten. „Das ist zu schön, um wahr zu sein“, sagt Per, während er in sein Sandwich beißt.

Nicht weit entfernt stehen Fredrik und Eirik auf dem Gipfel des Nallo, um die Abfahrt der drei zu fotografieren und zu filmen. Tomas darf die ersten Schwünge in den sonnigen Südwesthang ziehen. Erst kurze Radien, dann immer längere. Als er unten ankommt, brennen seine Oberschenkel. Drei Minuten später sind die Skifahrer wieder vereint, mit einem noch breiteren Lächeln im Gesicht als gerade noch oben auf dem Gipfel.

Wild Winter Camping
© Fredrik Schenholm
Wild Winter Camping
© Fredrik Schenholm
Wild Winter Camping
© Fredrik Schenholm
Wild Winter Camping
© Fredrik Schenholm
Wild Winter Camping
© Fredrik Schenholm

Fahrer: Tomas Bergemalm, Daniel Furberg, Eirik Nicolai Heim, Per Jonsson

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