Japan · Hidaka / Mt. Chokai
The Japanese Haute Route
Ausgabe 2022 · Text: Kei Karino · Fotos: Takahiro Nakanishi · 4 min Lesezeit

Denkt ihr beim Thema Skifahren in Japan an Hakuba oder Niseko? Dann habt ihr nur an der Oberfläche gekratzt. Mt. Chokai ist ein 2.236 Meter hoher Vulkan, der dem kalten Japanischen Meer zugewandt ist. Im Hochwinter ist das Wetter rau und unwirtlich. Die wenigsten Menschen…
Denkt ihr beim Thema Skifahren in Japan an Hakuba oder Niseko? Dann habt ihr nur an der Oberfläche gekratzt. Mt. Chokai ist ein 2.236 Meter hoher Vulkan, der dem kalten Japanischen Meer zugewandt ist. Im Hochwinter ist das Wetter rau und unwirtlich. Die wenigsten Menschen wissen, wie lang die Skisaison in Japan tatsächlich ist, und der Chokai hat eine der längsten, denn dank reichlicher Schneefälle kann man dort bis zum Frühsommer fahren. Wenn der Frühling kommt, steigen Skifahrer aus allen Richtungen auf und fahren unterschiedlichste Routen ab, aber niemand hat je daran gedacht, alle Skirouten miteinander zu verbinden. Über den ganzen Berg sind Hütten verstreut – die perfekte Voraussetzung für eine japanische Version der Haute Route.
Die Idee hatte ich bereits vor zwei Jahren, und zwei Bekannte erklärten sich bereit, mitzukommen. Einer von ihnen ist Hirofumi Ishizaka, ein zertifizierter IFMGAFührer. Wir gehen das ganze Jahr über gemeinsam Klettern oder Skifahren. Er ist ein guter Ausbilder, bringt mir immer die neuesten Techniken bei und erzählt mir von den Bergen der Welt. Der andere ist Takahiro Nakanishi, einer der besten Fotografen Japans. Wir haben schon eintägige Shootings in den Bergen gemacht, aber dies sollte unsere erste dreitägige Tour werden. Der Schneefall war in diesem Winter sehr stark gewesen, so dass die Straße zum Einstieg im Frühjahr noch immer gesperrt war. Also mussten wir zu Fuß gehen.
Der Tag, an dem wir aufbrachen, war so warm, dass die Erinnerung daran noch immer schmerzhaft ist. Anfangs ging es nur sanft bergauf, aber wir hatten einen langen Weg vor uns, und eine Zeitlang fühlte es sich so an, als kämen wir kaum vorwärts. In solchen Momenten finde ich es am besten, nicht zu hetzen, sondern mehrere Pausen einzulegen, wenn man müde wird, und erst dann weiterzugehen. Als wir tiefer in den Berg eindrangen, wurde unser Puls schneller und das Tempo nahm spontan zu. Wir zügelten unsere Ungeduld, und nach acht Stunden Fußmarsch erreichten wir den Gipfel zu einer magischen, frühen Abendstunde. Von hier bis zur Hütte hatten wir eine 900 Meter lange Abfahrt vor uns.
Der obere Teil war steil und anspruchsvoll, aber unten erwartete uns ein breiter, sanfter Hang. Als wir uns auf die Abfahrt vorbereiteten, tauchte ein Bär auf. Er ist für mich kein Unbekannter, hier zuhause, und ich begegne ihm jedes Jahr. Ich war froh, dass er gesund und munter den Winter überstanden hatte. Nachdem er wieder seiner Wege ging, schnallten wir endlich die Skier an. Die ersten paarhundert Höhenmeter zog jeder seine eigene Spur in den Schnee, aber dann fuhren wir als Gruppe und genossen eine Abfahrt, die kaum enden wollte. Als wir die Hütte erreichten, schien der mühsame Aufstieg bereits eine Ewigkeit zurückzuliegen. Das massive Holzgebäude bot viel Platz, inklusive mehrerer Schlafplätze.
Im Sommer ist die Hütte bewirtschaftet, im Winter jedoch unbesetzt. Am Abend kochten wir Nudeln und stießen mit ein paar Bier auf den Tag an. Würde man im Sommer ausreichend Vorräte mitbringen, könnten man hier ein richtiges Fest feiern! Am nächsten Morgen wachten wir bei gutem Wetter auf. Ursprünglich hatten wir geplant, den mittleren Teil des Berges abzufahren, entschieden uns aber stattdessen für den direkten Aufstieg auf den Gipfel, bevor das Wetter schlecher werden würde. Das Tal zum Gipfel war mit unberührtem Schnee bedeckt, atemberaubend schön wie ein Gletscher. Wir hatten alle ein Auge auf den Nordhang des Gipfels geworfen, denn seine Hangneigung, Entfernung, Breite und Lage waren einfach perfekt.
Als wir ihn dann hinunterfuhren, spürte ich, wie sich mein Körper maximal anspannte. Sanfte Erregung durchströmte mich. Der Frühlingsschnee fühlte sich gut unter meinen Skiern an, und ich fuhr aggressiv, aber kontrolliert, und achtete darauf, nicht zu schnell zu werden. Hirofumi und Takahiro taten dasselbe, schnell, aber kontrolliert. Uns allen entfuhren Freudenschreie. Nachdem wir wieder zu Atem gekommen waren, begannen wir den Aufstieg zu der Hütte, in der wir die zweite Nacht verbringen würden. Auf dem Weg fühlte es sich fast so an, als würden wir langsam in den Ozean eintauchen, der in der Ferne vor uns am Horizont lag – ein idealer Abschluss für diesen Tag auf dem Mt. Chokai.
Nach einer bedächtigen Abfahrt, auf der wir die Ereignisse des Tages Revue passieren ließen, schmeckte das Feierabendbier in der Hütte besser als je zuvor. An unserem letzten Morgen präsentierte sich der Berg in dichten Nebel gehüllt – ein totaler Kontrast zu dem schönen Wetter der letzten beiden Tage. Hirofumi sah uns an und lächelte. „Ein perfekter Tag für etwas Navigationstraining!“ Wir holten unsere Karten heraus und bereiteten uns gut gelaunt darauf vor, die Abfahrt mit dem Kompass zu machen. Kein Nebel der Welt konnte uns unsere Haute Route jetzt noch vermiesen.





Fahrer: Hirofumi Ishizaka, Kei Karino



