Georgien · North Caucasus (Tusheti / Dartlo)
Tushetti Calling
Ausgabe 2019 · Text: Martin Fiala · Fotos: Martin Fiala · 5 min Lesezeit

Der Himmel ist stark bewölkt, nur vereinzelt reißen die Wolken kurz auf. Einige Sonnenstrahlen blinzeln ab und zu durch, dann verschwinden sie wieder. Ein riesiger Lämmergeier mit einer Spannweite …
Der Himmel ist stark bewölkt, nur vereinzelt reißen die Wolken kurz auf. Einige Sonnenstrahlen blinzeln ab und zu durch, dann verschwinden sie wieder. Ein riesiger Lämmergeier mit einer Spannweite von fast drei Metern kreist über dem kleinen georgischen Dörfchen Dartlo, gelegen im Großen Kaukasus, unweit der tschetschenischen Grenze im Norden und der Grenze zu Dagestan im Osten. Seit zwei Tagen starren wir gen Himmel und hoffen, einen Helikopter zu erspähen, der uns zurück in die Zivilisation bringt, zurück zu unseren Pflichten und Aufgaben. Axels Plan B steht fest: „In zwei Tagen müssten wir mit Ski durchkommen... Wenn wir Gas geben!“ Mäx, Marvin, George, Nika und Irakli schauen mich fragend und verwundert an.
Mein Nicken vermag die Situation nicht zu entspannen, Axel meint es ernst! Die Region Tuschetien ist in den Sommermonaten über einen der gefährlichsten Pässe der Welt, den fast 3.000 Meter hohen Abano Pass, erreichbar. Eine abenteuerliche und fast 100 Kilometer lange Schotterpiste von Pshaveli bis kurz vor Dartlo, umgeben vom in dieser Region bis zu 4.500 Meter hohen, wilden Kaukasus. Im Winter gehören die Berge nur den Geiern, es gibt kaum Menschen, die hier überwintern. Um so verführerischer ist die Einladung, diese wilde Region zu besuchen und die Möglichkeiten zu erkunden. Leider macht uns das Wetter bereits bei der Anreise einen Strich durch die Rechnung.
Erst mit einigen Tagen Verspätung kommen wir in das einsame, südlich des kaukasischen Hauptkamms gelegene Hochtal Pirikita Alazani. Die Südhänge sind bis auf 2.500 Meter schneefrei, darüber liegen über 2.000 Höhenmeter Schlaraffenland. Wir sind auf die Verhältnisse gespannt, doch eines steht fest: Eine kurze Spritztour wird es nicht. George ist Geograf und hat eine seltene detaillierte Karte der Region dabei, die wir umgehend studieren. Nach ausgiebigen Gesprächen müssen wir bereits einige Ziele ausschließen. Manche Gipfel an der Grenze zu Tschetschenien im Norden sind tabu. Georges trockene Aussage: „Die Grenze wird bewacht, ich kann nicht garantieren, dass wir nicht beschossen werden,“ verfehlt nicht ihre Wirkung.
Die bis zu 1.500 Meter hohen, fast durchgehend bis zu 50 Grad steilen Nordhänge südlich von uns wirken nicht unmachbar, die sichtbaren Schneeanrisse kurz vor dem Kamm sind jedoch nicht sonderlich einladend. Wir beschließen, frühmorgens in der Dunkelheit direkt von Dartlo aufzubrechen und dem prominenten Rückensystem in nördlicher Richtung zu folgen, um als erstes die Verhältnisse zu erkunden. Die Gastfreundschaft der Inhaberfamilie des „Keto Guesthouse“, die nur für uns diesen Winter hier herausgekommen ist, ist überwältigend. Allerdings fällt die Temperatur im Haus nachts gut unter 0 Grad, die Plastikplane an der Fassade hält zumindest den Wind ab.
Der Wecker klingelt um 5:00 Uhr, der Weg zum Plumpsklo ist ohne Stirnlampe gut zu bewältigen, ich muss im hellen Mondlicht lediglich meinem Schatten folgen. Wieder zurück, frühstücke ich ein paar Nüsse, trinke warmen Tee und nehme vor allen anderen die ersten 500 schneefreien Höhenmeter in Angriff, in der Hoffnung, bei den ersten Sonnenstrahlen einige Bilder von den wunderschönen Türmen oberhalb von Dartlo zu machen. Nach gut 600 Höhenmetern erreiche ich den ersten Schnee. Unten erkenne ich Axel, der gerade zwischen den verfallenen Türmen aufsteigt. Nach einigen Fotos breche ich auf, um den einfachsten Aufstieg zu suchen. Der Schnee ist gut durchgefroren, in einem kurzen Steilaufschwung setze ich eine Spitzkehre an, plötzlich knallt es heftig.
Erschreckt versuche ich das Geräusch einzuordnen. Schnell wird mir klar, dass sich die Schneedecke extrem gesetzt hat. Axel holt mich als erster ein, Marvin und Mäx folgen in Sichtweite, danach Irakli und Nika. Wir beschließen, in die Schneedecke hineinzusehen. Das Ergebnis ist ernüchternd, aber nach den heftigen Setzgeräuschen nicht überraschend. Wir entdecken zwei ausgeprägte Schwachschichten mit großen Kristallen, eine nahe der Oberfläche, eine ca. 40 Zentimeter tief. Axel läuft voraus, wir sind uns einig, dass wir bei der gemächlichen Neigung der vor uns liegenden Hänge vorerst weitergehen können. Nach ca. 1.300 Höhenmetern schließen auch Irakli und Nika auf.
Alle 200 Höhenmeter legt Irakli, von andauernden heftigen Schneedecken-Setzgeräuschen begleitet, eine kurze Pause ein, raucht eine Zigarette und macht sich danach wie ein Moped wieder auf den Weg. „Mein Höhendoping,“ meint er grinsend. Die Theorie steht wissenschaftlich wohl auf wackeligen Beinen, empirisch betrachtet muss etwas Wahres dran sein. Nach über 2.000 Höhenmetern erreichen wir knapp unter 4.000 Metern einen Vorgipfel. Ab hier fällt der Grat nördlich von uns sowohl ost- als auch westseitig sportlich steil ab. Uns allen ist klar, hier ist für heute Schicht. Die Aussicht zum Hauptkamm des Kaukasus ist überwältigend. So viele gewaltige Linien direkt vor unseren Nasen.
Auch im Süden finden wir wunderbare nordseitige Hänge, es gibt so viel zum Staunen und Träumen. Bei der Abfahrt finden wir im oberen Bereich sogar ein wenig Pulverschnee, weiter unten folgen beste Firnverhältnisse. Die Abfahrt scheint kein Ende zu nehmen. Im Tal angekommen, fangen wir sofort an, die nächsten Tage zu planen. Die Wettervorhersage ist jedoch eindeutig. Es naht eine ausgeprägte Tieffront. Wir teilen uns für den kommenden Tag auf: Axel, Mäx, Marvin und Irakli brechen einen Kamm weiter östlich erneut in nördliche Richtung auf. Nika, George und ich steigen südlich auf, um die Optionen rund um Omalo anzusehen. Zugleich bestellen wir unseren Exit einen Tag früher.
Aufgrund schlechten Wetters kann der Helikopter jedoch nicht fliegen, der Folgetag kommt, der Lämmergeier kreist über uns und Axel überlegt, was er für die über 100 Kilometer in den Rucksack packt. Eine Stunde nach dem letztmöglichen kommunizierten Flugtermin scheppert es plötzlich am Himmel. Es folgt ein Blindflug, der unseren Atem absolut stocken lässt, aber das ist eine andere Geschichte. Gmadlob – vielen Dank!





Fahrer: Markus Filzer, Marvin Kärle, Irakli Kapanadze, Nika Lebanidze, Axel Naglich



